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Inferno Infantino #3

Walter Sperger
6Min.
4 Min. Lesezeit

Applaus statt Abstimmung – wie man eine WM vergibt, ohne sie zu vergeben


Man muss sich das Bild nur einmal genau ansehen: Ein Weltverband mit 211 Mitgliedern, zusammengekommen am 11. Dezember 2024 im Kongresssaal von Bangkok – und statt einer geheimen Abstimmung zwischen mehreren Bewerbern gibt es: Applaus. Kein Stimmzettel, keine Debatte, kein echter Wettbewerb. Nur Klatschen. So wurde Saudi-Arabien offiziell zum Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2034 erklärt – so wie zuvor schon Spanien, Portugal und Marokko für 2030, mit drei Jubiläumsspielen in Argentinien, Uruguay und Paraguay.


Letzte Woche ging es in "Inferno Infantino #2" um Wales, um Infantinos Machtkonzentration und um das Tauziehen mit der UEFA. Diese Woche will ich einen Schritt zurücktreten und mir das System selbst ansehen, über das solche Entscheidungen überhaupt zustande kommen. Denn wer dieses Bild aus Bangkok einmal gesehen hat, der stellt sich automatisch die Frage: Wie kann es sein, dass eine Weltmeisterschaft am Ende wie verhandelt wirkt – und nicht wie vergeben?


Eine Stimme pro Land – schön gedacht, zu kurz gedacht


Im FIFA-Kongress hat jeder der 211 Mitgliedsverbände genau eine Stimme – Deutschland genauso wie ein Verband, der kaum eine eigene Liga stemmt. Das klingt zunächst nach gelebter Demokratie. In der Praxis aber wird aus diesem Prinzip ein Hebel: Wer über Entwicklungsprogramme wie FIFA Forward große Summen an kleine Verbände verteilt, baut sich still und leise Stimmenblöcke auf, die bei Wahlen und Vergaben zuverlässig mitstimmen – unabhängig davon, ob die Entscheidung fußballerisch überhaupt einen Sinn ergibt.


Der demokratische Grundgedanke dahinter ist ja erstmal ein schöner: eine Stimme pro Land, ganz gleich wie groß. Nur hilft das wenig, wenn diese eine Stimme nichts darüber aussagt, ob in diesem Land überhaupt eine Fußballbasis existiert, die mit klassischen Fußballnationen vergleichbar ist. England gilt nicht zufällig als Mutter des Fußballs – die Football Association wurde 1863 gegründet, ganze Generationen sind seither auf Bolzplätzen und in Amateurvereinen groß geworden. Der DFB meldet 2026 einen Rekord von 8,2 Millionen Mitgliedern. Italien, Spanien, die großen südamerikanischen Fußballnationen tragen diese Geschichte seit über hundert Jahren mit sich – dort hat sich Fußball über Generationen von unten nach oben entwickelt, auch weil Klima und Alltag das ganzjährige Spielen auf dem Bolzplatz überhaupt zulassen. In Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar sieht das anders aus: Der Sport wird dort seit wenigen Jahren mit enormen staatlichen Summen von oben nach unten aufgebaut, nicht von einer über Generationen gewachsenen Amateurbasis getragen – auch weil Temperaturen von 40 Grad und mehr über weite Teile des Jahres das Fußballspielen auf dem Amateurplatz schlicht erschweren. Ein Stimmrecht, das beides gleich gewichtet, ignoriert genau diesen Unterschied.


Vergeben oder verkauft?


Wie wenig das noch mit einer echten Vergabe zu tun hat, zeigen die Zahlen zu Saudi-Arabiens Bewerbung für 2034: Australien und Indonesien zogen ihr Interesse zurück, übrig blieb ein einziger Bewerber. Die FIFA selbst vergab dieser Bewerbung mit 419,8 von 500 Punkten die höchste Bewertung, die je eine WM-Bewerbung erreicht hat – obwohl acht der fünfzehn geplanten Stadien bis heute nicht gebaut sind und Menschenrechte, Termin und Infrastruktur als "mittleres Risiko" eingestuft wurden. Norwegen und die Schweiz reichten offizielle Einwände gegen das Verfahren ein, Amnesty International kritisierte die Vergabe scharf. Genützt hat es nichts.


Ich unterstelle niemandem persönliche Bereicherung – das will ich ausdrücklich nicht. Aber ein G'schmäckle, wie der Schwabe sagt, hat das mit Sicherheit.


Hitze, Kalender, Klima


Saudi-Arabien ist, mit Verlaub, genauso wenig eine gewachsene Fußballnation wie Deutschland eine Rugby-Nation wäre – niemand käme ernsthaft auf die Idee, uns eine Rugby-WM zu geben. Weil im Sommer dort Temperaturen über 40 Grad herrschen, wird inzwischen offen über eine Verlegung der WM 2034 in den Winter 2034/35 diskutiert – mit Kollisionen mit dem Ramadan, den Olympischen Winterspielen 2034 in Salt Lake City und der saudischen Pilgerfahrt Hadsch im März. Genau das gleiche Muster wie schon bei Katar 2022, nur dieses Mal mit noch mehr Kalenderchaos für Ligen, Spieler und Fans. talkSPORT nennt es treffend ein "unprecedented scheduling dilemma".


Auch bei der auf sechs Länder und drei Kontinente verteilten WM 2030 warnen Wissenschaftler: Jede Vergrößerung des Turniers treibt den CO2-Fußabdruck weiter nach oben. Allein Transatlantikflüge verursachen laut Experten 1,5 bis 2 Tonnen CO2 pro Person, Flüge machen insgesamt 80 bis 85 Prozent der WM-Emissionen aus – ein Anteil, den die FIFA eigenen Angaben zufolge kaum senken kann. Eine Schweizer Behörde stellte zudem fest, dass die FIFA zur Klimaneutralität der WM in Katar irreführende Angaben gemacht hat. Wenn eine Weltorganisation sich offiziell zu 50 Prozent weniger Emissionen bis 2030 und Netto-Null bis 2040 verpflichtet und gleichzeitig jede neue Entscheidung genau in die andere Richtung treibt, dann ist das keine Klimastrategie. Das ist Greenwashing.


Auch das deutsche Sommermärchen war nicht makellos


Ja, auch die deutsche Sommermärchen-WM 2006 ist bis heute nicht lückenlos aufgeklärt – eine bis heute nicht restlos erklärte Zahlung von rund 6,7 Millionen Euro steht seit Jahren im Raum. Das relativiert nichts, das gehört ehrlicherweise dazu. Aber der Unterschied bleibt: Deutschland ist und war eine Fußballnation, mit gewachsener Infrastruktur, mit einer Bevölkerung, die tatsächlich hinter dem Turnier steht – nicht mit Multimilliardären am Spielfeldrand, die Werte repräsentieren, für die eine Weltorganisation im Jahr 2026 einfach nicht mehr stehen darf.


Mein Appell: Vergabe statt Verkauf


  1. An den FIFA-Kongress: Schafft verbindliche, überprüfbare Kriterien für jede WM-Vergabe – Klima, Spielergesundheit, Infrastruktur, Menschenrechte, eine real gewachsene Fußballbasis. Akklamation statt Wettbewerb darf kein Verfahren bleiben.

  2. An die UEFA und die europäischen Verbände: Wer das System kritisiert, muss einen eigenen Reformvorschlag auf den Kongresstisch legen – nicht nur Pressestatements.

  3. An uns Fans: Fragt bei jeder neuen Vergabe nicht nur "wo", sondern "warum dort". Wer das nicht hinterfragt, bekommt die WM, die er verdient.



Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball.

Euer Walter


Quellen


 
 
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