Fehlende Professionalität bei Vincent Kompany
So schaut's aus – 24.10.2026
Freitagnachmittag, eigentlich hatte ich mir ein anderes Thema für diese Woche vorgenommen. Dann kam die Nachricht: Vincent Kompany ist gestern auf dem Trainingsgelände des FC Bayern zusammengebrochen, mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht worden, wird dort untersucht. Sein Zustand soll stabil sein. Das hat mich den ganzen Abend nicht mehr losgelassen – nicht, weil ich mich an einem Menschen in einer Notlage abarbeiten will, sondern weil mich dieser Fall etwas ganz Grundsätzliches lehrt.
Ich mag Vincent Kompany. Als Spieler, als Kapitän, jetzt als Trainer. Was er bei Burnley und jetzt bei Bayern aufbaut, verdient Respekt. Genau deshalb erlaube ich mir, kritisch hinzuschauen – und nicht einfach nur "Gute Besserung" zu wünschen und zur Tagesordnung übergehen.
Schauen wir uns den Ablauf an, so wie er öffentlich berichtet wurde: Schon beim 6:1 gegen Leipzig saß Kompany angeschlagen auf der Bank, ein Virus hatte sich auch auf Beine und Hüfte geschlagen. Am Dienstag dann die klare Ansage seines eigenen Co-Trainers Aaron Danks: "Vince has had a virus, and it is important for him to rest." – Vince hatte einen Virus, und es sei wichtig, dass er sich ausruht. Mittwoch, einen Tag später, steht Kompany wieder auf dem Platz, nimmt an einer Aktivierungseinheit teil, reist mit dem Team zum Champions-League-Spiel gegen Arsenal. Freitag dann der Zusammenbruch – beim Zuschauen einer Trainingseinheit der Amateure.
Offiziell bestätigt Bayern keine Ursache. Das ist richtig so, das steht niemandem von außen zu beurteilen, und auch ich stelle keine Ferndiagnose. Aber der zeitliche Zusammenhang spricht eine eigene Sprache, und genau darüber will ich reden.
Ich war Einzelkämpfer, mit einer Ausbildung, die genau darauf ausgelegt war, über das hinauszugehen, was man für sich selbst für möglich hält. Ich nehme für mich in Anspruch, einschätzen zu können, dass die Grenze nicht da liegt, wo Lieschen Müller sie vermutet. An die eigenen Grenzen zu gehen, sie auszuloten, ist gut, ist notwendig, macht uns weiter, stärker, besser. Aber – und das ist der entscheidende Unterschied – man muss wissen, wo man diese Grenze derart überschreitet, dass es gesundheitsschädlich wird. Das ist keine Holzhammerregel, das ist Erfahrung, Selbstkenntnis, Disziplin. Und genau daran, so sieht es für mich aus, ist Kompany vorbeigelaufen.
Er hat, wenn der Ablauf stimmt, eine ausdrückliche Rest-Empfehlung seines eigenen Trainerstabs nach einem Tag wieder kassiert und ist zurück auf den Platz. Das ist für mich fehlende Professionalität – nicht, weil er ein schlechter Trainer ist, sondern weil er als Cheftrainer eines Spitzenclubs genau das vorlebt, was er seinen eigenen Spielern nie durchgehen lassen würde: über Warnsignale hinwegzugehen.
Und das ist kein ungutes Signal nur für ihn selbst. Es ist auch keine Vorbildwirkung für seine Spieler. Wer soll in der Kabine lernen, auf den eigenen Körper zu hören, wenn der Chef selbst das Gegenteil vorlebt?
Er erweist damit sich und seinem Team einen Bärendienst. Nach einem Zusammenbruch wieder zu hundert Prozent belastbar zu sein, dauert. Und jede weitere Grenzsituation wird jetzt mit spitzem Bleistift bewertet werden – verständlich, aber auch das hat seinen Preis: zu viel Vorsicht lähmt genauso wie zu viel Risiko.
Die eigentliche Frage, die mich beschäftigt, geht aber über Kompany hinaus: Warum hat ein Cheftrainer heute einen ganzen Stab an seiner Seite – Co-Trainer, Reha-Abteilung, Sportpsychologie, medizinisches Personal – und trotzdem bricht er zusammen, weil ihn offenbar niemand aufgehalten hat? Früher gab es den einen Cheftrainer, ohne Unterstab, der auch funktionieren musste, wenn er selbst mal ausfiel. Heute, zugegeben, ist das Fußballgeschäft ein völlig anderes – aber gerade deshalb müsste mehr Unterstützung auch mehr Schutz bedeuten, nicht nur mehr Betreuung für die Spieler.
Hat Kompany also nur die Signale seines Körpers missachtet – oder hätte an dieser Stelle medizinisches oder psychologisches Personal eingreifen, ihn notfalls vom Platz verweisen müssen? Und was macht dieser Zusammenbruch mit dem Team, das seinen Trainer plötzlich im Krankenhaus statt an der Seitenlinie weiß? Was macht er mit dem Trainerstab, der jetzt übernehmen muss und sich fragen wird, ob er früher hätte eingreifen müssen?
Drei Adressaten, die aus diesem Fall lernen sollten:
Vincent Kompany ist mir weiterhin sympathisch, und Fehler passieren – auch Spitzentrainern, auch mit (leider viel zu häufig). Aber gerade weil ich ihn schätze, wünsche ich mir, dass er und alle, die mit ihm arbeiten, aus diesem Zusammenbruch die richtige Lehre ziehen. Gute Besserung, Vincent Kompany – und dann bitte wirklich Zeit nehmen.
Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball.



