Alles auf dem Platz lassen

Walter Sperger · 10. Okt. 2026 · 6 Min. Lesezeit
Und wie kommt ein Talent überhaupt dorthin? Gedanken nach den ersten vier Spielen unter Bundestrainer Jürgen Klopp.
Hallo, KICK CAREER-Fans, die Länderspielpause liegt hinter uns, und diesmal hat mich die Nationalmannschaft tatsächlich wieder neugierig gemacht. Das war nicht immer so. Im Februar 2024 schrieb ich im Leverkusen-Beitrag von einer gewissen „Blutleere“, die ich ähnlich auch bei der Nationalmannschaft sah, und davon, dass im Teamsport das WIR vor das ICH gehört. Jürgen Klopp hat nun seine ersten vier Spiele als Bundestrainer hinter sich. Ich finde, da lohnt der zweite Blick.
Vier Spiele, ein Eindruck
24.9. · auswärts: Niederlande 1:1 (Remis)
27.9. · Augsburg: Griechenland 0:1 (Niederlage)
1.10. · München: Serbien 2:0 (Sieg)
4.10. · Thessaloniki: Griechenland 0:0 (Remis)
Nations League, Gruppenphase
Auf dem Papier ist das eine ausgeglichene Bilanz. In den Medien war nach zwei Spielen vom schwächsten Start eines Bundestrainers die Rede, und die Schlagzeilen über den drohenden „Negativrekord“ ließen nicht auf sich warten. Wer meinen Beitrag „Medien-Erbrochenes und potenzielle toxische Auswirkungen“ kennt, weiß, was ich davon halte.
Spannender ist, was dahintersteckt: Klopp berief 44 Spieler in zwei Kader, darunter 16 mögliche Debütanten, und schickte zwischendurch sogar Kapitän Joshua Kimmich nach Hause. Elf Mann durchpeitschen wolle er nicht, sagte er, er wolle möglichst viele Spieler kennenlernen. Sein Credo habe ich aus mehreren Aussagen sinngemäß so mitgenommen: Wer das Trikot trägt, lässt alles auf dem Platz. Nur dann hat er die Berechtigung, Teil dieses Teams zu sein.
Zugehörigkeit statt Zuschreibung
Erinnert Ihr Euch an die Dilts Pyramide aus meinem Beitrag „Systemisches Coaching talentzentriert © #3“? Auf der obersten Ebene, der Zugehörigkeit, entscheidet sich, ob ein Spieler Teil von etwas Größerem ist. Als Negativbeispiel nannte ich damals Thomas Tuchel, der Josua Kimmich und Leon Goretzka über Medien und Nominierungen eine Identität abgesprochen hat. Klopp knüpft Zugehörigkeit dagegen an Haltung und Einsatz, nicht an Namen und Status.
Für mich ist das die Brücke zu den belastbaren Beziehungen, die Markus Weise in seinem Vortrag „Hey Trainer, kannst Du auch Coach“ beschreibt. Und es führt zu einer Frage, die ich schon in „Das Leibchen mit dem Bundesadler – Lust oder Last“ gestellt habe. Meines Erachtens beantwortet sie sich nicht durch Verordnung, sondern durch Zugehörigkeit.
Der Weg dorthin
Motivation lässt sich nicht verordnen, sie wächst, und zwar auf dem Weg, den ein Talent geht. Dieser Weg führt nicht zwangsläufig über DFB-Stützpunkt und Nachwuchsleistungszentrum. Auch diese Karrieren, in Anführungsstrichen, gilt es zu betrachten und zu hinterfragen, warum sie immer wieder möglich sind. Zwei Namen zeigen das für mich besonders anschaulich:
Bei Hector finde ich das Drumherum fast spannender als die Laufbahn. Er leistete sein Freiwilliges Soziales Jahr im Heimatverein, machte dort die C-Lizenz, studierte nebenher Betriebswirtschaft und wollte seine Freunde nicht mitten in der Saison im Stich lassen, als Köln früher rief. Umgebung, Werte, Zugehörigkeit: Das sind Ebenen der Dilts Pyramide, lange bevor es um Taktik oder Technik geht.
Und bei Höler nehme ich als Bayern-Fan mit Augenzwinkern zur Kenntnis, dass er in einer Saison im Hin- und im Rückspiel gegen uns getroffen hat. Der Neutrale mag mir verzeihen, dass auch diese Zeilen manchmal mit rot-weißer Tinte geschrieben sind.
Was die Forschung dazu sagt
Zwei Namen sind natürlich kein Beweis. Deshalb ein Blick in die wissenschaftlichen Beiträge:
Güllich (2014): Die heutigen Bundesligaspieler sind eher aus wiederholter Auswahl und Aussortierung in Kindheit und Jugend hervorgegangen als aus früher Selektion und langer, durchgehender Förderung. Der Einstieg in die Förderprogramme verteilt sich über alle Altersstufen.
Hornig, Aust & Güllich (2016): Verglichen wurden 52 Bundesligaprofis, darunter 18 A-Nationalspieler, mit 50 Amateurspielern. Die Profis hatten über ihre Laufbahn nur moderate Mengen organisierten Fußballtrainings.
Güllich (2019), Frauen-Fußball: Nationalspielerinnen hatten bis 18 insgesamt weniger Fußballtraining, aber mehr selbstorganisiertes Spielen und mehr Training in anderen Sportarten als ihre Bundesliga-Kolleginnen.
Journal of Sports Sciences (2017): Bei 44 deutschen Nachwuchsspielern zwischen 11 und 13 verbesserten sich diejenigen stärker, die mehr nicht organisiert Fußball spielten und mehr organisiert andere Sportarten trainierten, nicht die mit mehr organisiertem Fußballtraining.
Güllich, Macnamara & Hambrick: Die Meta-Analyse über 51 Studien mit 6.096 Athleten zeigt: Spätere Weltklasse-Athleten hatten in der Jugend mehr Multisport-Praxis, begannen ihre Hauptsportart später und kamen anfangs langsamer voran.
Und das ist für mich der entscheidende Punkt. Organisationen entscheiden sich zwischen schnellem Juniorenerfolg und langfristigem Erfolg im Seniorenalter. Ein Leistungszentrum, das sich an Ergebnissen und Tabellen messen lassen muss, hat einen natürlichen Anreiz zur ersten Variante.
Ganz einheitlich ist die Lage allerdings nicht. Eine norwegische Studie fand zwischen Profis und Nicht-Profis keine bedeutsamen Unterschiede beim Umfang anderer Sportarten, und die Meta-Analyse sieht beim freien Spiel für sich genommen keinen nennenswerten Effekt. Als Beleg gegen Nachwuchsleistungszentren taugen diese Arbeiten deshalb nicht. Sie sind aber ein klarer Hinweis darauf, dass das „sterile“ Vorgehen, also fast nur noch Fußball und Schule und sonst nichts in der Jugend, nicht unbedingt der beste Weg sein muss.
Auch der DFB sieht Handlungsbedarf. Hannes Wolf, Direktor Nachwuchs, sagte im Sommer 2025 sinngemäß, man sei nicht gut genug und müsse besser werden. Laut Sportschau lag der Anteil der Einsatzzeit einheimischer U21-Spieler in der Bundesliga bei 4,9 Prozent, in der spanischen La Liga bei 8,8 und in der französischen Ligue 1 bei 11.
Was ich daraus mitnehme
Ob Klopp mit dieser Linie den Erfolg zurückbringt, wird sich zeigen. Im November geht es mit den Spielen in Serbien und gegen die Niederlande weiter, dann mit einem kompakteren Kader. Die Richtung stimmt, meines Erachtens, ausnahmsweise mal.
Mit Klarheit, Fokus und Gelassenheit zu einer optimalen Entwicklung
Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!
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Quellen
Güllich, A. (2014): Selection, de-selection and progression in German football talent promotion. European Journal of Sport Science.
Hornig, M., Aust, F. & Güllich, A. (2016): Practice and play in the development of German top-level professional football players. European Journal of Sport Science, 16(1), 96–105.
Güllich, A. (2019): „Macro-structure“ of developmental participation histories and „micro-structure“ of practice of German female world-class and national-class football players. Journal of Sports Sciences.
Sport activities differentiating match-play improvement in elite youth footballers – a 2-year longitudinal study. Journal of Sports Sciences (2017).
Güllich, A., Macnamara, B. N. & Hambrick, D. Z.: What makes a champion? Early multidisciplinary practice, not early specialization, predicts world-class performance. Perspectives on Psychological Science.
From childhood to senior professional football: elite youth players' engagement in non-football activities. Journal of Sports Sciences (2014).
Klopp-Start: ZDFheute, Berliner Zeitung, bundesliga.com, DFB
Jonas Hector: bundesliga.com, ligainsider.de, echo24.de, derstandard.at
Lucas Höler: kicker, bundesliga.com, goal.com
Durchlässigkeit in die Bundesliga: sportschau.de



