Wenn die Diagnose noch aussteht: Was Verletzungen mit Talenten und Profis machen
Wenn zwei Schicksale an einem Wochenende zusammenkommen
Samstagabend, 67. Minute, Alte Försterei: Konstantinos Karetsas gewinnt einen Zweikampf gegen Rani Khedira, bleibt mit dem Schuh im Rasen hängen, knickt um. Raus getragen, auf Krücken, Diagnose offen. Ein paar Wochen vorher, derselbe Verein: Giannis Konstantelias, Kreuzbandriss, schon operiert, mehrere Monate außer Gefecht. Zwei griechische Stürmer, ein Klub, zwei Verletzungen – und zwei vollkommen unterschiedliche seelische Baustellen.
Was macht das mit einem jungen Spieler, der erst mal gar nichts weiß, nur wartet? Und was macht es mit dem, der schon weiß, dass er Weihnachten, Neujahr, vielleicht noch den Frühling verpasst? Zwei Fragen, auf die es in den Katakomben der Bundesliga-Stadien selten eine ehrliche Antwort gibt.
Ich kenne diesen Moment – von der anderen Seite
Ich hab das selbst durchgemacht. Nicht nur einmal, aber die, die mich am härtesten getroffen hat, war ein Kreuzbandriss – und zwar, im Rückblick betrachtet, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Und ich geb's offen zu: Mein Umgang damit war viel zu ehrgeizig. Ich wollte schneller zurück sein, als mein Knie das zugelassen hat. Das Ergebnis? Genau das Gegenteil von dem, was ich wollte – kontraproduktiv, bis heute eine Lehre für mich. Zu ehrgeizig zu sein nach einer schweren Verletzung ist keine Stärke, auch wenn es sich in dem Moment genau so anfühlt. Es ist eine der größten Gefahren überhaupt.
Ein Mittagstisch in Regensburg, der zeigt, wie es gehen kann
Vor ein paar Wochen sitze ich in einem Lokal in Regensburg, und am Nebentisch sitzt Kenan Yıldız beim Essen – mitten in der Reha nach seiner Fußoperation. Mit am Tisch, soweit ich es als Außenstehender einordnen konnte: eine Frau aus seinem engsten Umfeld – vermutlich seine Mutter –, ein Berater und ein Physiotherapeut, der offensichtlich extra für die Reha-Phase mitgereist war und erkennbar im ständigen Austausch mit dem Betreuerteam seines Vereins stand. Kein Zufall, dass so etwas funktioniert: Da sitzt ein kompletter, eingespielter Begleitkreis am Tisch. Genau das fehlt vielen Talenten – nicht, weil sie es nicht verdienen, sondern weil es im Nachwuchsbereich schlicht noch nicht aufgebaut ist.
Der Korridor statt des starren Datums
Was lerne ich aus beiden Seiten – der eigenen Erfahrung und dem, was ich bei Profis sehe? Nach einer OP braucht es sofort ein klares Behandlungsbild: welche Reha-Schritte, welche Kräftigung, welche Belastungssteigerung, wann die Rückkehr auf den Platz – am besten grafisch dargestellt, damit der Spieler es vor Augen hat. Aber nicht als starres Datum, sondern als Korridor: eine Spannbreite, gekoppelt an Bedingungen – wie sich die Reha entwickelt, wie der Körper reagiert.
Im Talentbereich, wo noch kein eingespieltes Netzwerk aus Spezialisten existiert, entscheidet die Wahl der Begleiter über vieles: ein Operateur, der den Eingriff nicht zwei-, dreimal im Jahr macht, sondern hunderte Male – mit einem klaren Bild, wie die Reha verlaufen soll. Ein Physiotherapeut des Vertrauens, der genau dieses Verletzungsbild schon kennt. Ich hatte damals eine gute Freundin, die als Therapeutin für unser Team da war und in der Eden-Reha Profis wie bspw. Lothar Matthäus behandelte und dann stand mir mit dem Team von Brüderlein & Knarr in Regensburg eine hervorragende Mannschaft zur Seite. Diese Erfahrung gibt einem Sicherheit in der Entwicklung.
Und dann kommt die Rolle, die ich als systemischer Coach genau hier sehe: dem Spieler immer wieder ein ehrliches Bild zurückspiegeln, wo er gerade steht. Ist er zu ehrgeizig? Zu ungeduldig? Ungeduld ist die größte Gefahr überhaupt – sie führt zur verfrühten Rückkehr, zur Instabilität, und im schlimmsten Fall zur erneuten Verletzung. Und die erzeugt eine Verunsicherung, die einen nicht schneller, sondern langsamer zurück auf den Platz bringt. Umgekehrt gilt: Wer eine schwere Verletzung einmal erfolgreich bewältigt hat, trägt danach ein anderes Selbstvertrauen in sich – und geht den nächsten Rückschlag mit einem völlig anderen Kopf an. Und ganz ehrlich: Wenn die Verunsicherung tiefer sitzt, als ein gutes Gespräch lösen kann, hole ich einen Sportpsychologen mit ins Boot – das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil eines professionellen Begleitkreises.
Mein Appell an alle Beteiligten
An Talente und Profis: Vertraut dem Korridor, nicht der Uhr. Ungeduld macht euch nicht schneller gesund, sie macht euch instabiler. Geduld ist Teil des Trainings, nicht das Gegenteil davon. |
An die Eltern: Unterstützen statt drängen. Euer Kind braucht in dieser Phase keinen zusätzlichen Druck von zu Hause, sondern Rückhalt und das Gefühl, dass sein Wert nicht von der Woche der Rückkehr abhängt. |
An die Trainer: Verlangt nicht zu viel. Verzichtet lieber eine Partie länger auf einen Spieler, als ihn nicht ausgeheilt zurückzuholen – am Ende steht ein gesunder, topfitter Spieler mit voller Einsatzbereitschaft, und das ist mehr wert als drei verfrühte Kurzeinsätze. |
Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball.
Euer Walter



