top of page

Inferno Infantino #2

Walter Sperger
vor 32 Minuten
5 Min. Lesezeit

Wales geht voran – wer hat den Mut, durchzuhalten?


Es war einer dieser Nachmittage, an denen ich eigentlich nur kurz die Ergebnisse checken wollte – und dann blieb ich an einer Meldung hängen, die mich nicht mehr losgelassen hat: Wales entzieht Gianni Infantino die Unterstützung für seine Wiederwahl als FIFA-Präsident. Ich bin Bayern-Fan, kein Wales-Fan, das habe ich hier im Blog schon klargestellt. Aber in diesem Moment war mir herzlich egal, welches Trikot da gerade den Mut aufbringt. Mein Fußball-Herz hat einfach nur gedacht: endlich.


Das hier ist kein Coaching-Thema – und trotzdem meine Sache

Wer mich kennt, weiß: Hier im Blog geht es sonst um Systemisches Coaching talentzentriert©, um Eltern, Trainer, Talente, um den Alltag im NLZ. Dieser Beitrag ist bewusst etwas anderes. Er hat mit meiner Arbeit als systemischer Coach nichts zu tun, sondern mit mir als Fußballmensch, der seit Jahrzehnten mit Herzblut dabei ist. Und genau deshalb darf ich – darf keiner von uns, die den Fußball lieben – das, was sich gerade an der Spitze der FIFA abspielt, nicht einfach wortlos hinnehmen.


Ein größerer Alleinherrscher, als Blatter es je war

Ich habe hier im Blog schon einmal einen Beitrag mit dem Titel "Inferno Infantino" veröffentlicht – und ich bleibe bei meiner Einschätzung, nur würde ich heute noch einen Schritt weitergehen. Sepp Blatter musste 2015 zurücktreten, nachdem der weltweite FIFA-Korruptionsskandal aufgeflogen war; die FIFA-Ethikkommission verhängte gegen ihn eine mehrjährige Sperre, ein Schweizer Gericht sprach ihn 2022 zwar vom Betrugsvorwurf frei – der Imageschaden für den Weltfußball aber war längst angerichtet. Infantino trat 2016 an, um genau das zu beenden: mehr Transparenz, mehr Good Governance, ein Neuanfang. Zehn Jahre später sitzt an der Spitze der FIFA ein Mann, der nach meiner Überzeugung nicht weniger, sondern mehr Macht auf sich konzentriert hat, als Blatter es je wagte – nur eben mit der glatteren PR.


Wer den Fußball wirklich verkauft

Man muss sich gar nicht nur den aktuellen Plan ansehen – jenen, mit dem Infantino über die eigens gegründete Gesellschaft "FIFA Forward Enterprise" rund 4,2 Milliarden US-Dollar von privaten Investoren für Anteile an der WM einsammeln wollte, ohne die Mitgliedsverbände wirklich einzubinden. Das Vorhaben wurde nach heftiger Kritik zwar gestoppt, aber es zeigt ein Muster. Schon die Vergabe der WM 2034 nach Saudi-Arabien lief über ein beschleunigtes Verfahren ohne ernstzunehmenden Gegenkandidaten, quasi im Vorbeigehen durchgewunken. Wer so entscheidet, über die Köpfe von 211 Mitgliedsverbänden und erst recht über die Köpfe von uns, der Basis, hinweg, der führt die FIFA nicht – der regiert sie. Und das, was da regiert wird, ist nicht Infantinos Eigentum. Es ist unser Fußball. Der Fußball der Fans. Der Fußball der Ehrenamtlichen, die jedes Wochenende auf dem Amateurplatz die Linien ziehen, der Trainer, der Eltern, der Talente an der Basis – all jener, die diesen Sport überhaupt erst zu dem machen, was die FIFA dann für sich in Anspruch nimmt, in der Welt zu vertreten. Die FIFA ist keine Institution, die frei im Raum schweben darf, an uns vorbei. Sie ist uns verantwortlich. Nicht umgekehrt.


Wales geht voran – die Frage ist, wer durchhält

Im August war es Wales, das als erster Verband ganz offiziell erklärt hat: Mit uns nicht mehr. Der walisische Verband FAW sprach davon, das Vertrauen in Infantinos Führung sei verspielt – Governance, Kommunikation, Urteilsvermögen, alles infrage gestellt. Kurz danach zogen Finnland, Serbien und Schweden nach, dann England, Frankreich, Italien. Die UEFA selbst prüft inzwischen rechtliche Schritte gegen die FIFA.


Mich erinnert das an eine andere walisische Geschichte, viele Jahrhunderte älter: Owain Glyndŵr, der Anfang des 15. Jahrhunderts den letzten großen walisischen Freiheitskampf gegen die englische Krone anführte. Er brachte England fast in die Knie – bis Verbündete, unter dem Druck der Übermacht, einer nach dem anderen abfielen. Genau das ist meine Sorge heute: dass Wales diesmal zwar als mutiger Vorreiter vorangeht, andere Verbände aber aus Angst, am Ende doch auf der falschen Seite einer möglichen Wiederwahl zu stehen, kneifen – während Infantino diese Woche in Tokio bei der asiatischen Konföderation AFC genau um jene Stimmen wirbt, die er in Europa gerade verliert. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP fehlt ihm nur noch wenig zur einfachen Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände. Afrika, Asien, Südamerika halten ihm größtenteils die Treue. Der größte Widerstand sitzt in Europa – und Europa allein wird nicht reichen, wenn der Rest der Welt wegschaut.


Ist das nur Prinzipientreue – oder auch ein Machtspiel?

Eine ehrliche Frage gehört hier dazu: Welche Agenda verfolgt eigentlich die UEFA in dieser ganzen Geschichte? Warum ist es plötzlich so ein Fauxpas, dass die FIFA eigenständig agiert – ausgerechnet aus Sicht jenes Verbands, der selbst jahrzehntelang den größten Hebel im Weltfußball hatte?


Ein Teil der UEFA-Kritik ist in der Sache berechtigt, das will ich nicht relativieren. Der gescheiterte Investoren-Plan, die Vergabe des neu geschaffenen FIFA-Friedenspreises an Donald Trump im Dezember 2025 (von Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert, von Infantino im Februar 2026 verteidigt), die fehlende Transparenz – all das hat UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zuletzt bei der Generalversammlung der europäischen Vereine in Kopenhagen am 29. September 2026 mit klaren Worten adressiert: "Keine Politik und keine noch so große Macht gibt einem das Recht, den Fußball zu verkaufen." Und mit Verweis auf Andersens Märchen: "Der Fußball braucht keine Kaiser." Starke Worte, die ich so unterschreiben würde.


Nur: Ganz uneigennützig ist auch die UEFA nicht. Ceferin selbst ließ 2023 beim UEFA-Kongress in Paris die eigene Amtszeitbegrenzung von drei auf vier Perioden ändern – Anfang 2024 schloss er dann noch aus, selbst eine vierte Amtszeit anzutreten. Im Oktober 2026 kandidierte er plötzlich doch wieder, mit dem Argument, die 55 nationalen Verbände hätten ihn darum gebeten. Menschenrechtsbeobachter wie Nick McGeehan (FairSquare) sehen darin genau den Trick, den Ceferin Infantino vorwirft: eine Statutenänderung, die formal keinen Bruch, aber faktisch genau das Gegenteil einer echten Amtszeitbegrenzung bedeutet.


Dazu kommt ein handfester, jahrzehntealter Machtkampf: Lange Zeit steuerte Europa über das alte FIFA-Exekutivkomitee die großen Entscheidungen im Weltfußball weitgehend mit. Infantinos Entwicklungsprogramme und seine Koalition mit Verbänden aus Afrika, Asien und Südamerika haben genau diesen europäischen Hebel geschwächt. Und ganz nebenbei konkurriert die von Infantino massiv ausgebaute FIFA-Klub-WM inzwischen direkt mit der UEFA Champions League um Sendezeiten, Sponsoren und Kalenderplätze – Ligen wie Spaniens La Liga klagen bereits offen über den überfrachteten Spielplan.


Heißt das, man soll der UEFA jetzt misstrauen und Infantino verteidigen? Nein. Es heißt nur: Hier stehen sich nicht einfach die Guten und die Bösen gegenüber, sondern mehrere Mächtige, die alle auch um ihre eigene Macht kämpfen. Mein Appell richtet sich deshalb bewusst nicht an die UEFA oder an Ceferin, sondern an uns: an den DFB, an die Vereine, an die Fans. Die Frage, wem der Fußball gehört, darf man nicht diesem Machtkampf zwischen zwei Funktionären überlassen.


Mein Appell: Haltung zeigen, nicht abwarten

  1. An den DFB: Ihr habt das Unterstützerschreiben für Infantino im Sommer schon nicht unterschrieben – das war ein richtiger erster Schritt. Jetzt braucht es den nächsten: Zieht die Unterstützung aktiv und öffentlich zurück, wie Wales es vorgemacht hat. Zurückhaltung aus Angst vor einer möglichen Wiederwahl ist keine Haltung, das ist Kalkül.

  2. An die deutschen Vereine und Verbände: Macht Druck auf den DFB, diesen Schritt zu gehen. Wer bei der Basisarbeit jeden Tag erlebt, wie ernst es um Fairness und Vertrauen geht, darf an der Spitze nicht wegschauen.

  3. An uns Fans: Redet darüber. Teilt, kommentiert, fragt bei eurem Verein nach, wo er steht. Die FIFA lebt von unserer Leidenschaft – also soll sie auch unsere Stimme hören.



Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball.

Euer Walter

 
 
bottom of page