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Zwischenruf: Fall Goretzka - lebensfeindliche Umwelt!

Walter Sperger
1. Aug. 2023
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Stunden

Fall Goretzka - was bedeutet das für unsere Talente


Goretzka? Kimmich versteht Tuchel, lautete die Überschrift von Kerry Haus Beitrag zur gegenwärtigen Situation Leon Goretzkas bei seinem Verein, dem FC Bayern München.

Für mich ist das Anlass und Provokation zugleich, einen Zwischenruf in meiner Rubrik „Meine Meinung“ zu veröffentlichen, da dieses Beispiel auch aufzeigt, in welchem Umfeld sich deutsche Talente bewegen.

Zur Transparenz möchte ich vorwegschicken, dass ich seit 1974 ein begeisterter Fan des FC Bayern München bin. Wie das bei uns Fans so ist, bleibt man seinem Club treu, auch wenn sich im Verein und im Umfeld Dinge ereignen, die nicht in das Idealbild eines selbst passen.

Aber auch das gehört zur Wahrheit: Ich hasse keinen anderen Verein, vielmehr gönne ich jeder Mannschaft den Erfolg und freue mich über guten Fußball.

Nun aber zum Thema: Leon Goretzka, der seit 2018 das Trikot des FC Bayern München trägt und seither in 124 Spielen für den Club auflief, dabei 25 Tore erzielte und unter anderem am Triple-Gewinn 2020 erheblichen Anteil hatte, sieht sich gegenwärtig mit einer Kritik an seiner Leistung sowohl in seinem Club als auch in der Nationalmannschaft konfrontiert, die eine Entwicklung im Profifußball verdeutlicht, welche auch aufzeigt, in welchem Umfeld unsere Talente wachsen dürfen – eine lebensfeindliche Umwelt!

Ein verdienter Spieler, der seit der U16 fester Bestandteil der Nationalmannschaft ist und 53 A-Länderspiele absolvierte, steht nach einer durchwachsenen Rückrunde 22/23 plötzlich sowohl im Club als auch im deutschen Team in der Diskussion.

Dabei greifen hier alle Mechanismen des Profigeschäfts. Die Medien wittern und verbreiten jede noch so kleine interpretationsfähige Neuigkeit mit „reißerischen“ Überschriften, sodass ein Spieler sich gezwungen sieht, sich mehrmals öffentlich zu seiner Vereinstreue zu äußern. Und das in einer Zeit, in der sich die Verantwortlichen des Vereins öffentlich vom „Söldnertum“ distanzieren.

Jetzt ist uns allen bewusst, dass Profifußball längst nichts mehr für Nostalgiker, sondern ein „knallhartes“ Business ist.

Wenn aber Vertrauen und „Zweite Chance“ nur noch Floskeln sind, stellt sich mir die Frage, wie Vertrauen gerechtfertigt werden soll? Jede Schwächephase, jede verpasste Torchance, jeder Fehlpass und jeder verlorene Zweikampf wird von Journalisten, von denen man den Eindruck gewinnt, dass sie maximal Tischfußball spielten, dokumentiert und aufgebauscht. Trainer und Funktionäre müssen bei Ihrer Wortwahl exakt darauf achten, wie und wann sie welche Formulierungen nutzen. Klar, manche Akteure nutzen diesen Umstand auch geschickt und erzeugen öffentlich Druck. Aber ist das nicht ein Signal der eigenen Schwäche? Werden Trainer und Funktionäre ihrer Verantwortung gerecht, wenn Spieler zu „Spielermaterial“ werden?

Spieler werden ausgetauscht bzw. stehen auf dem Abstellgleis, wenn sie nicht zu 100 % in die Spielidee des Trainers zu integrieren sind?

Hier wünsche ich mir mehr Nachsicht, mehr Vertrauen und einen menschlicheren Umgang. Insbesondere unseren Talenten würde eine höhere Fehlertoleranz guttun. Natürlich verdient man mit Titeln Prämien und refinanziert so sein Geschäftsmodell. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass sich viele Fans, und für sie werden diese Events doch veranstaltet, mehr Toleranz und Vereinsverbundenheit wünschen. 

Würden sich Talente, die sich im eigenen Club über viele Jahre entwickelten und gefördert wurden, nicht auch viel mehr mit diesem identifizieren und auch zur Identifikationsfigur des Vereins werden?

Im Sinne der Talententwicklung und der Fußballnostalgie wünsche ich uns allen mutigere Trainer, die bspw. auch einen Box-2-Box-Spieler mit Zug zum Tor in Ihre Idee integrieren und ihn ggf. auffordern/schulen manchmal mehr in die Breite zu denken, als ihn unmittelbar auf das Abstellgleis zu stellen. Trainer, die auch Talenten und Jungprofis Fehler verzeihen. Trainer, die auch in schwierigen Zeiten den Rückhalt der Vereinsführung genießen!

Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!

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