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Welche Rolle spielt Mentalität in der Talentförderung?

Walter Sperger
22. Okt. 2023
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Stunden

„KEINE!“ schreit es in mir. Oder wird dieses Thema einfach nur stiefmütterlich behandelt? In der Trainerausbildung des BFV / DFB wird sie erwähnt und auch keine Gelegenheit ausgelassen, deren Wichtigkeit zu unterstreichen. Aber wie verhält es sich in der Realität? Was machen die Verbände? Werden Spieler / Talente mental begleitet? Geschieht das professionell?

Erst einmal möchte ich kurz auf die Inhalte zum Thema Psychologie in der Trainerausbildung eingehen. In unseren Grundlagen heißt es zum Haus des Fußballs, dass es aus drei Säulen und einem Dach besteht:

Die Säulen heißen Technik, Taktik und Kondition (fußballspezifisch), wobei Kondition nicht mit Ausdauer verwechselt werden darf. Ausdauer ist lediglich ein Teilbereich. Ergänzend zur Ausdauer beinhaltet die Säule Kondition Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit bzw. die Schnittmengen aus den Merkmalen, also Schnelligkeitsausdauer etc.. Das Dach bildet in der Lehre die Psychologie. So sieht das Haus des Fußballs dann aus:





…und dann erhält man beim BFV (Bayerischen Fußballverband) ergänzend noch Informationen zum Thema Motivation. Ziele angemessen formulieren usw..

Das war es dann aber auch. Den Rest darf sich ein interessierter Übungsleiter selbst aneignen.

Selbstverständlich ist die Psychologie im Fußball der ausschlaggebende Faktor! Allerdings, das ist meine These, ist es von vielen Trainern schon zu viel verlangt, den drei Säulen gerecht zu werden. Psychologie ist hier maximal Hausmannskost!

Technische Fertigkeiten können einige Trainer, vor allem ehemalige Spieler, noch vermitteln, Kondition wird von vielen mit Ausdauer verwechselt und taktische Verhaltensweisen verständlich machen, gelingt nur den wenigsten. Psychologie beschränkt sich in vielen Fällen dann auf die Kabinenansprache mit Sätzen wie bspw., „Die müssen Gras fressen!“…

Erschwerend kommt hinzu, dass die Fußballcommunity in ihrer Entwicklung der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung deutlich hinterherhinkt. Es ist ausreichend, wenn man an dieser Stelle das Thema Homophobie oder Gleichberechtigung der Geschlechter anspricht.

Wenn die PSYCHOLOGIE also so eine entscheidende Rolle im Fußball einnimmt, warum widmet man ihr nicht mehr Aufmerksamkeit und erklärt den Übungsleitern etwas detaillierter, was sich dahinter verbirgt?

Ganze Studiengänge beschäftigen sich mit Sportpsychologie sowohl im Zusammenhang mit dem Individuum als auch aus dem Blickwinkel von Teamsportarten:

Bei Wikipedia heißt es unter der Überschrift, Ausrichtung, zum Thema Sportpsychologie: „Die Sportpsychologie ist sowohl in naturwissenschaftlichen wie geisteswissenschaftlichen Bereichen forschungsmäßig aktiv. Sie befasst sich mit Entwicklung, Motivation, Lernen, volitiven Strukturen und sozialem Verhalten. Es geht einerseits um die Entwicklung und Anwendung sportpsychologischer Methoden der Erkenntnisgewinnung im Sektor Sport…“

Mit volitiven Strukturen wird die zielgerichtete Steuerung von Gedanken, Emotionen, Motiven und Handlungen, zur bewussten, willentlichen Umsetzung von Zielen beschrieben. Etwas einfacher ausgedrückt: Selbststeuerung zur Zielerreichung.

Damit sind wir bei unserem heutigen Thema „MENTALITÄT“ angelangt. In der Begriffsdefinition von Mentalität spricht man im Gegensatz zu volitiven Strukturen von einer Prädisposition (vorherrschende psychische Persönlichkeitseigenschaft) im Sinne eines Denk- und Verhaltensmusters einer Person oder einer sozialen Gruppe, in unserem Fall das Team. Und unter Team versteht man in diesem Zusammenhang nicht lediglich die erste Elf bzw. den kompletten Kader, sondern vielmehr das gesamte Umfeld inklusive div. Trainer, Physiotherapeuten und andere Funktionäre des Clubs, deren Äußerungen die Spieler im Zusammenhang mit dem Fußball erreichen.

„Prädisposition“, meint, dass wir alle durch unsere genetische Veranlagung und unser soziales Umfeld „vorbelastet“ sind. D.h. unsere Mentalität wird vererbt und durch die Menschen, die uns umgeben / umgeben haben geprägt. Und sicherlich ist sie nicht in Stein gemeißelt. Eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und zielgerichtete Begleitung können „Wunder“ vollbringen!

Ich möchte an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden: Ein Gespräch mit einem Spieler wird ihn nicht von heute auf morgen zu deutlich messbaren Leistungssteigerungen veranlassen, aber seine geänderte Haltung wird sein Handeln beeinflussen und damit auch seine Entwicklung / sportliche Entwicklung. Das macht den Einfluss eines „Coachings“ in diesem Zusammenhang schwer messbar. Aber der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang sollte sich für uns alle leicht erschließen.

Kurzfristig kann ein Trainer auch Kräfte innerhalb seines Teams oder einzelner Spieler freisetzen. Dabei hat das Team oder der Spieler die Fähigkeit bereits erworben, kann sie aber zum Zeitpunkt X nicht abrufen. Ursache hierfür sind Blockaden, die sich aus unterschiedlichen Gründen ergeben können. Und ich spreche hier aus Erfahrung!

Ein U19-Team, das ich betreuen durfte, stand kurz vor dem Aufstieg in eine höhere Klasse und musste gegen ein deutlich schlechter platziertes Team in seiner Liga lediglich einen Punkt erreichen. Das Spiel fand auf ungewohntem Untergrund, Kunstrasen, statt. Mein Team war vermutlich wegen der Aufstiegschance, die sich zum Saisonende herauskristallisierte, blockiert und lag zur Halbzeitpause mit 0:5 zurück und das gegen einen Gegner, den wir in der Hinrunde noch klar dominierten.

Mir war bewusst, dass wir uns zu diesem Zeitpunkt einfach nur selbst im Weg standen, und ich versuchte die Mannschaft mit deutlichen und lauten Worten „wachzurütteln“. Mit dem Hinweis auf das Hinrundenergebnis und vor allem auf erlernte und vielfach abgerufene Verhaltensweisen mit den entsprechenden Beispielen sollte das Team auf die Erfolgsspur zurückkommen.

Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit gelang uns der erste Treffer und mit jeder weiteren Aktion wuchs das Vertrauen und der Glaube, das Unentschieden doch noch zu erreichen. Mit einem Elfmeter kurz vor Ende der Partie belohnten wir uns für die zweiten 45 Minuten. Endergebnis: 5:5.

Kurzfristige Interventionen sollten Trainer entsprechend anwenden können, aber dazu bedarf es einer Ausbildung mit praxisnahen Beispielen!

Viel wichtiger sind jedoch im Zusammenhang mit der Talentförderung die mittel- und langfristigen Erfolge durch eine „mentale“ Begleitung / ein Coaching der Spieler auf Ihrem Weg: Veränderte Gedanken, Emotionen, Motive und Handlungen bereiten den Weg zur bestmöglichen Entwicklung der Person / des Spielers!


Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung unter meiner Rubrik „So schaut’s aus“ aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!

 
 
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