U17-Weltmeister - A-Nationalmannschaft "Nix", wie geht das zusammen?
Aktualisiert: vor 7 Stunden
Am Tag nach der Niederlage unserer A-Nationalmannschaft gegen die Türkei in Berlin, schrieb ich meinen 20.sten Beitrag zum Thema, ob das Leibchen mit dem Bundesadler Lust generiert oder eher eine Last auf den Schultern der Akteure darstellt. Im Schwerpunkt des Beitrags wollte ich deutlich herausarbeiten, dass es trotz Abstand klare Anzeichen dafür gäbe, es stünde kein Team auf dem Platz! Wenige Stunden später, in Wien gegen das Team aus Österreich, bestätigte sich meines Erachtens dieser Eindruck: Unsere Nationalauswahl der Herren ist gem. der Definition von Markus Weise (bitte lest in meinem oben zitierten Artikel, welch exzellenter und vielfach ausgezeichneter Fachmann er ist) maximal eine durchschnittliche Gruppe und mit Sicherheit kein Team!
Merkmale:
Die Leistungs- und Handlungsziele der einzelnen Akteure werden nur über ein paar Minuten auf dem Platz umgesetzt:
Spieler aus den vorderen Reihen beteiligen sich nicht mit maximalem Einsatz am Defensivspiel!
Spieler, die in den hinteren Reihen den Ball erobern, nehmen zeitweise ohne Druck zu viel Risiko im Spiel nach vorne!
Gestik und Mimik senden deutliche Signale:
Die Körpersprache signalisiert bereits nach kurzer Spieldauer und ein paar misslungenen Aktionen Resignation!
Bei Fehlern von Mitspielern wenden sich Spieler von ihren Mannschaftskollegen ab!
Kommentare nach dem Spiel , zeigen deutliche Fehlein- und Überschätzung:
Leroy Sane spricht davon, dass er das Spiel verloren habe. Wir erinnern uns an seinen Platzverweis in der 49. Minute, nach einer Tätlichkeit gegen Phillipp Mwene, den er kurz zuvor foulte.
Ein Spieler glaubt, er allein sei so wichtig, den gesamten Spielverlauf zu verantworten?
Der Trainer selbst spricht von einem zu niedrigen „Emotionsniveau“ über den kompletten Spielverlauf.
…
All diese Indizien belegen: unsere A-Nationalmannschaft ist maximal eine durchschnittliche Gruppe!
Die Gruppe, so Markus Weise , hat ein gemeinsames Ziel, die Gruppenmitglieder übernehmen bei Widerstand nicht die Verantwortung! Wenn die Leistung der Gruppe ausreicht, um die relevanten Spiele zu gewinnen, ist es ausreichend, wenn man als Gruppe agiert.
Auf internationalem Niveau ist das offensichtlich zu wenig!
ERGO: Es ist eine Team-Leistung erforderlich.
Ein Team agiert geschlossen auf dem Spielfeld und übernimmt selbst gegen großen Widerstand gemeinsam Verantwortung!
An dieser Stelle kommt unser U17-Weltmeisterteam ins Gespräch. Wenn wir die Leistung dieser Mannschaft auf dem Platz beobachten, die Außendarstellung ansehen und die Kommentare vernehmen, erleben wir, was ein Team auszeichnet. Es klingt für Euch jetzt vielleicht etwas befremdlich, aber der Weltmeistertitel ist gar nicht so entscheidend, um den wesentlichen Unterschied zwischen der Gruppe, A-Auswahl, und dem Team, U17, darzustellen!
Wie wir das bereits im Beitrag 20 schon dargestellt haben, erarbeitet ein guter Trainer, der seine Coach-Funktion verantwortungsbewusst wahrnimmt, mit seinen Spielern die Leistungs- und Handlungsziele, die dann auf dem Platz über die Dauer des gesamten Spiels, unabhängig von Spielstand und Rahmenereignissen, gegen alle Widerstände, aus welcher Richtung diese dann auch immer kommen mögen und in welcher Gestalt diese sich äußern, gemeinsam durch- und umgesetzt werden. Das ist unsere U17!
Wie kann es nun gelingen, die Gruppe der Herren-Nationalmannschaft wieder zu einem Team zusammenwachsen zu lassen oder besser gefragt, was steht der Herrengruppe im Weg, ein richtiges Team zu werden?
Ich möchte hier einige Gedanken kurz skizzieren.
Äußere Umstände:
a) Das persönliche Umfeld
Ich würde es als „sozioimmanente“ Begleitumstände einer Profikarriere bezeichnen und wir sprechen hier von den Topspielern unserer Nation.
Mit den Worten von Oprah Winfrey ausgedrückt: „Es gibt viele Leute, die mit dir in der Limousine fahren wollen, was du aber brauchst ist jemand, der mit dir den Bus nimmt, wenn die Limousine liegen bleibt.“
Ein Umfeld, geprägt von vielen Schmeichlern, trägt nicht unbedingt dazu bei, einen Menschen zu prägen, der seinen persönlichen Erfolg dem Erfolg des Teams unterordnet.
Eine andere Facette zeigt das Alltagsleben der Profis, denen nahezu sämtliche Aufgaben eines „normalen“ Bürgers abgenommen werden, damit sie sich lediglich auf das Fußballspielen konzentrieren können. Das Leben in einer Blase, die dich von sämtlichen äußeren „Störfaktoren“ schützt bzw. fernhält, trägt nicht dazu bei, Widerstände im Leben überwinden zu lernen.
b) Spielerberater (wir haben über diese Berufsgruppe bereits berichtet)
Eine besondere Spezies der Begleiter aller Profis. Deren Druck, Spieler in Ihren Agenturen zu verpflichten, um ein erfolgreiches Geschäftsmodell abzubilden, führt zwangsläufig zu einem total verzerrten Selbstbild vieler Kicker. Manche Spielerberater, wie beispielsweise Roger Wittmann, denken gar darüber nach, das Privatleben ihrer „Klienten“ vollkommen transparent zu machen. Ein Big-Brother-Format des einzelnen Spielers, damit Fans permanent den Kontakt zu Ihren Idolen haben. Menschen, die im Zuge solcher Partnerschaften zu einem Marketing-Produkt stilisiert werden, können nur sehr schwer auf dem Boden der Tatsachen bleiben und Ihre Interessen hinten anstellen, wenn es um die Erfüllung von Handlungs- und Leistungszielen im Zusammenspiel mit den Teamkameraden geht.
Eine weitere Facette der Problematik Spielerberater kann auch entstehen, wenn eine Agentur die „Interessen“ etlicher Profifußballer vertritt und mit Ihrer Marktmacht ein Ungleichgewicht in Bezug auf die Berücksichtigung leistungsbezogener Nominierungen bewirkt. Diese Seuche zeigte Ihr Gesicht bereits mit der Einflussnahme von Roger Wittmann bei Schalke 04, wie der Stern 2008 in seinem Artikel "Die Schatten der Stars" berichtete.
c) Gehaltsstrukturen
Dem gesamten Fußballgeschäft geschuldet, werden mittlerweile Gehälter in den Spitzenbereichen bezahlt, die fernab jeglicher leistungsgerechter Bezahlung sind. Dieses Phänomen zeigt sich auch in den Entwicklungen mancher Manager-Gehälter in den Konzernen der übrigen Wirtschaftswelt. Die Marktwirtschaft wird diese Auswüchse weiter beschleunigen. Ob die steigenden Gehälter gut oder schlecht sind, mögen andere beurteilen. Der Bodenhaftung und der Einordnung eigener Leistungen sind sie bestimmt nicht zuträglich und damit stehen sie auch der Leistung im Teamsport im Wege. Wenn ein Spieler diese Zusammenhänge nicht begreift und einordnen kann, wird er fast zwangsläufig unter diesem Phänomen leiden.
d) Mediale Aufmerksamkeit
Auch die Berichterstattung in sämtlichen Formaten leistet den Profis einen „Bärendienst“. Einerseits werden die Spieler im Erfolgsfall glorifiziert, bis hin zur Spielernote 1 nach jedem erfolgreichen Match, um andererseits im nächsten Spiel, das weniger erfolgreich verläuft, nach allen Regeln der Kunst medial vernichtet zu werden. Selbstverständlich mit Spielernote 5. TV-Live-Übertragungen im Bezahlfernsehen, Zusammenfassungen auf Privat- und öffentlich rechtlichen -Sendern sowie auf sozialen Kanälen wie bspw. youtube o.ä., Radioübertragungen, Fußballtalkshows etc. bieten quasi permanent Stoff rund um das Geschehen auf und neben dem Platz. Nichts ist zu banal, um es nicht irgendwie zu bewerten, zu berichten oder zu kommentieren.
Das Maß der medialen Diarrhö können ebenfalls dazu beitragen, ein völlig verzerrtes Selbstbild zu formen, was wiederum der Leistung im Teamsport im Wege steht.
e) Der Trainer, der eben nicht Coach kann, wie es Markus Weise ausdrücken würde
Wenn der Trainer nicht in der Lage ist, Erfolgs-, Handlungs- und Leistungsziele zu unterscheiden und dies den Spielern zu vermitteln, die Spieler im Vorfeld auf das Spiel einzustellen, im Nachgang des Matches mit ihnen die richtigen Schlüsse zu ziehen, gemeinsam Fehler zu analysieren, Strategien zu besprechen, vor sowie während des Spiels Maßnahmen zur optimalen Leistungserbringung zu ergreifen, den Fokus auf das Spiel zu lenken etc., dann kann das auch eine Ursache dafür sein, dass eine Nationalmannschaft eine Gruppe bleibt und nicht zum Team reift!
Innere Faktoren, die der Bildung eines Teams im Wege stehen können, sind im zwischenmenschlichen Bereich oder aber einer individuellen Störung zu suchen:
Bspw. Missgunst / Neid, mangelndes Vertrauen in die Mitspieler, persönliche Abneigungen etc..
Ein gesunder Wettbewerb auf den Positionen, wie es heute oftmals formuliert wird, ist damit nicht gemeint. Insofern Spieler diesen gesunden Wettbewerb auch im wörtlichen Sinne begreifen und sich gegenseitig zu Höchstleistungen motivieren.
Ich möchte diese Aspekte auch kurz zusammenfassen unter dem Stichwort „soziale Kompetenz“ der handelnden Akteure. Wenn diese nicht im erforderlichen Maß ausgeprägt ist, steht dies definitiv auch der Bildung eines Teams im Wege.
Und zu guter Letzt können es auch individuelle Störungen sein, die Probleme verursachen. Manch Spieler hat in seiner Biografie bereits darüber berichtet, wie schwer es ist, mit dem Druck im Fußballgeschäft klarzukommen. Manche entwickeln Süchte, Essstörungen oder andere Symptome der ungesunden Stressbewältigung. Prominente Beispiele belegen dramatisch, welche Ausmaße dies annehmen kann. Gedenken wir in Ehren den Verstorbenen wie bspw. Robert Enke. Sie sollen uns ein begleitendes Mahnmal bleiben, um das Zwischenmenschliche im Profifußball nicht zu vergessen!
Gespräche mit unabhängigen Dritten, mit bspw. systemischen Coaches, deren Honorare nicht an einen sportlichen Erfolg oder an Maßnahmen wie bspw. einen Vereinswechsel etc. gekoppelt sein dürfen, können den Profis, den Trainern und den Talenten helfen, diese Systematik zu begreifen und die eigene Persönlichkeit in diesem Umfeld einzuordnen und auszuprägen, was mittelbar zu einer besseren Basis für die Erfüllung von Leistungs- und Handlungszielen im Teamsport führt.
Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung unter meiner Rubrik „So schaut’s aus“ aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!



