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Trainer aus dem Industriezeitalter vs. Trainer im Zeitalter der Digitalisierung

Walter Sperger
30. Juli 2023
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Stunden

Trainer und Digitalisierung

Im letzten Satz „Meiner Meinung“ aus der vergangenen Woche habe ich unser Thema für heute schon angerissen. Trainer aus dem Industriezeitalter vs. Trainer im Zeitalter der Digitalisierung.

An manchen Auswirkungen der Digitalisierung kommen auch „Steinzeittrainer“ nicht vorbei. So organisiert fast jeder Übungsleiter seine Gruppe über einen Messenger, meist „WhatsApp“. Und auch in Bezug auf die Nutzung dieser Kurznachrichten-Applikation gibt es viele Fehler, die gemacht werden, bspw. lassen Trainer Diskussionen in den Foren zu. Dann kommt es zu Chats wie diesen: 

 Ich kann heute nicht ins Training kommen, weil

  Wenn das jeder so macht,…

 Das geht Dich nichts an!

  ….

Und das ist nur ein harmloses Beispiel. Wo es enden kann, könnt Ihr Euch selbst ausmalen. Der Einsatz dieser Tools braucht klare, wohlüberlegte Regeln. Das soll heute aber nicht unser Thema sein. Ich möchte mit Euch viel lieber über die Möglichkeiten reden, die uns Trainern das Zeitalter der Digitalisierung anbietet. Leider werden sie viel zu wenig genutzt und ein Großteil meiner lieben Übungsleiter verfährt so, wie sie es schon immer erlebt haben.

Aus diesem Eck kommt übrigens auch das Argument: „Um Trainer zu sein, brauche ich keinen Lehrgang. Ich kann das, was ich als Spieler erfahren habe, unmittelbar auch für mein Team anwenden“. Eines meiner Lieblingsstatements. Vielleicht ist bei einer anderen Gelegenheit nochmals Zeit darauf einzugehen. Nur soviel heute dazu: Ein guter Schüler ist noch lange kein guter Lehrer! Und was lehrt dieser Schüler? Einfach nur Stundeninhalte, die ihm in den Sinn kommen? Welches Lernziel wird verfolgt?...

Über welche Möglichkeiten spreche ich also? Ein bisschen müsst Ihr Euch schon noch gedulden, aber ich führe Euch Schritt für Schritt durch meine Gedanken.

Und damit sind wir schon mitten drin. Die methodischen Schritte, um praktische Fähigkeiten zu vermitteln:

1. Vormachen

Der Trainer und ggf. sein Staff zeigen den Spielern, was sie von ihnen erwarten und begründen dies auch! Lediglich ein Vormachen und stupides Wiederholen führt zum Erwerb einer Fähigkeit, aber nicht zur Motivation, diese aufrechtzuerhalten, also, warum soll ein Spieler eine erlernte Fähigkeit immer und immer wieder anwenden…

Erste Einsatzmöglichkeit digitaler Mittel: Warum versuchen viele Übungsleiter, Dinge kompliziert nur verbal zu erklären? Das birgt doch so viel Interpretationsspielraum und jeder Mensch ist nun mal anders. Daher drängt es sich doch schon förmlich auf, Videosequenzen vor dem Betreten des Platzes oder aber, wenn es passt auch mit Tablets auf dem Platz, zu zeigen und den Vorteil/das Ziel des zu Erlernenden aufzuzeigen.

Vorteil: Spieler können sich auf diese Argumente konzentrieren und erzeugen schon Bilder in Ihrem Kopf, die dem Handlungsmuster, das sich der Trainer wünscht, viel mehr entsprechen, als jenes, welches durch schlichte, mündliche Erklärung entstehen würde.

Natürlich folgt der Vorführung des Bildmaterials und der Erklärung, warum wir das Handlungsmuster so umsetzen wollen, dann das praktische Vormachen auf dem Platz. Dabei geht es um eine „saubere“ Ausführung und es ist sogar vorteilhaft, wenn die Übung nicht zu schnell vorgemacht wird.

2. Nachmachen

Dann ist es Zeit für die Kicker, das gewünschte Handlungsmuster auf dem Platz nachzumachen, wobei der Trainer, bei Bedarf, immer wieder korrigierend eingreift. Je nach Leistungsstand werden Geschwindigkeit und Gegnereinfluss im Rahmen der Übung erhöht und ggf. die Spielfläche verkleinert. Anfangs ist sicherlich ein häufigeres Korrigieren erforderlich, aber mit zunehmender Übung sollten die Unterbrechungen weniger werden und sich die Anzahl der Ballkontakte für die Spieler im gleichen Zeitraum deutlich erhöhen.

3. Üben

In diesen Phasen hört man dann von Zeit zu Zeit das Argument, man solle die Übungen doch abwechslungsreicher gestalten. Das ist durchaus nachvollziehbar und auch umsetzbar, solange das gewünschte Handlungsmuster im Rahmen der Übung 1:1 Anwendung findet. Anfangs wirken isolierte, einfache Abläufe monoton, aber nach und nach kann die Komplexität der Übung erhöht werden und immer „Spielnäher“ angewandt werden. Dann kommt es darauf an, manchmal Standbilder in den Übungsspielen zu schaffen, in denen positiv umgesetzte Handlungsabläufe herausgehoben werden. Standbilder, bei denen nicht richtig umgesetzte Handlungsabläufe dargestellt werden, müssen unbedingt in der korrigierten Form gezeigt und die positiven Konsequenzen erklärt werden.

Euer Argument an dieser Stelle, dass, außer beim Vormachen, die „Digitalisierung“ noch keinen Einfluss auf die Trainingsabläufe hat, ist durchaus stichhaltig. Denken wir unsere Zyklen aber noch ein paar Schritte weiter, dann sind wir bei der Umsetzung in den Spielsituationen. Und hier sind die Vorteile des einfach verfügbaren Bildmaterials unschlagbar!

MACHT SPIELAUFZEICHNUNGEN, egal wie gut die Qualität der Aufnahmen ist! Auch wenn Situationen nicht absolut einwandfrei dargestellt werden können, weil uns die unterschiedlichsten Kameraperspektiven fehlen, so ist es aus meiner Sicht äußerst hilfreich, Bildmaterial aus den Spielen zu zeigen und die positive Umsetzung von Handlungsabläufen zu zeigen.

Natürlich können auch Fehler angesprochen werden, aber bitte nicht ausschließlich Fehler! Stellt Euch vor, was das in den Köpfen Eurer Spieler auslöst, wenn sie permanent nur mit Fehlern konfrontiert werden.

Ich höre den einen oder anderen Spieler und Trainer schon sagen, „aber das ist doch im Amateurbereich viel zu übertrieben oder nicht umsetzbar“. Das sehe ich nicht so!

Macht es denn nicht Spaß, Bilder von sich selbst, also vom Team, zu sehen und dabei festzustellen, dass man Fortschritte macht? Und das Argument, man hätte keine Zeit dafür, kann ich auch nur bedingt gelten lassen. Oftmals wird der soziale Faktor bei Amateurmannschaften in den Vordergrund gerückt und wie wichtig es sei, auch einmal bei einer „Hefekaltschale“ zusammenzusitzen. Was wäre denn, wenn man bei dieser Gelegenheit, Bildmaterial zeigt und diskutiert?

Der große Vorteil dabei ist, dass man Spielsituationen besprechen kann und Spieler und Trainer dabei auf die richtigen Bilder referenzieren!

Wohingegen wir ansonsten nur Spielsituationen anhand unserer Erinnerungen ins Gedächtnis rufen können. Dabei wirken die Emotionen während der Situation, die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Situation und das Erinnerungsvermögen im Allgemeinen absolut verzerrend.

Ohne Bildmaterial können wir aus dem vergangenen Spiel lediglich ein Resümee ziehen, das super abstrakt gehalten werden muss und somit verpufft die überragende Möglichkeit, Rückschlüsse aus dem Spiel zu ziehen und aus den einzelnen Situationen zu lernen.

Je professioneller man Fußball spielt, desto mehr darf das Bildmaterial eingesetzt werden. Und das wird es auch! Von der Gegneranalyse bis hin zu den Einzelsituationen des zu Erwartenden oder der zu erwartenden Gegenspieler bis hin zur Darstellung dessen, was man sich im Rahmen der eigenen Spielidee erhofft oder wie einzelne Spieler selbst in bestimmten Situationen reagieren sollen, kann vieles gezeigt werden und wird vieles auch gezeigt.

VISUALISIERUNG ist aus dem Spitzensport nicht wegzudenken, sollte aber auch bei den Amateuren und vor allem in Bezug auf die Nachwuchsmannschaften und bei der Talententwicklung berücksichtigt werden!

Hier lassen wir Trainer noch viel Potenzial ungenutzt und werden den Talenten nicht gerecht!

Talenten möchte ich an dieser Stelle aber auch ins Gewissen reden: Es gibt viel Bildmaterial, vom individual-, gruppen- und mannschaftstaktischen Verhalten oder aber auch von Techniken, die Euch helfen können, ein besseres Verständnis zu erreichen bzw. exaktere Bilder zu speichern!

Nutzen wir also die CHANCEN!

Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!

 
 
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