Sehen die Plätze, auf denen sich die Talente der Zukunft entwickeln, so aus?
Aktualisiert: vor 7 Stunden
Die Sommerpause im Fußball ist der ideale Zeitraum, um einen Blick auf die Talentförderung im Deutschen Fußball zu werfen. Das Bild des ersten Beitrags darf neugierig machen, wie wir diesen Abschnitt eröffnen!
Kurzes Vorwort
Nach vielen Stationen im Fußball, als Spieler, Trainer, Funktionär, Vater, Onkel und nicht zuletzt als glühender Fan dieser Sportart, möchte ich mich intensiv dem Thema der Talententwicklung und -förderung im deutschen Fußball widmen. Warum glaube ich, dem Thema noch zusätzliche Aspekte abgewinnen zu können und es auch noch kundtun zu müssen?
Ersteres können wir alle nicht umfänglich beurteilen, aber bestimmt ist zu Vielem schon viel gesagt und geschrieben worden. Vielleicht spreche ich aber auch Themen an, die der geschätzte Leser noch nicht oder so noch nicht wahrgenommen hat. Vielleicht gibt es auch viele Menschen, die ähnliche Stationen in Ihrem Leben durchlaufen haben wie ich, aber meine Beweggründe, zur Talententwicklung und -förderung im deutschen Fußball zu schreiben, dürften sich jedoch von denen vieler Autoren deutlich unterscheiden. Und daher schreibe ich!
Nicht als aktiver Akteur im Fußballbusiness, sondern einzig und allein, um dem Umfeld, also den Verbänden, Vereinen, Mannschaften, Schiedsrichtern, Familienangehörigen, Berichterstattern und vor allem den Trainern, aber natürlich auch den Talenten selbst, Impulse zu geben. Wenn diese Anreize nur einem Menschen Unterstützung auf dessen eigenen Weg leisten, dann sind es die folgenden Wörter und Zeilen wert, geschrieben zu werden.
Dabei ist mir bewusst, wie komplex und individuell sich jeder einzelne Werdegang eines Spielers gestaltet. Um möglichst viele Blickwinkel aufzugreifen, versuche ich daher, auch die Aussagen aus Interviews und Gesprächen mit den unterschiedlichsten Akteuren einfließen zu lassen.
Die Plätze und das Umfeld
Wie bereits angekündigt, gibt das Bild einen Anhalt über meine erste Meinung, die ich auf dieser Plattform kundtun möchte: Unsere Infrastruktur / Unsere Plätze und die Rahmenbedingungen:
„Reifen Talente auf kargem Boden besser als im klimatisierten Gewächshaus?“ oder anders gesagt, „Sehen die Plätze, auf denen sich die Talente der Zukunft entwickeln, so aus,wie auf meinem ersten Beitragsbild?“
Als ich stolz meine ersten Fußballschuhe, damals, 1974, ein schwarzes Paar mit gelbem Logo der Marke LICO, schnürte, waren die Zeiten noch anders. Auf der ehemaligen Pferdekoppel meines Opas hat man mit einer Walze die Unebenheiten beseitigt und kurzerhand ein Kleinfeld geschaffen. Linien wurden an Spieltagen mit Sägespänen gesät. Sie waren zwar nicht unbedingt mit dem Lineal gezogen, erfüllten aber auch Ihren Zweck. Die Tore wurden von den Erwachsenen kurzerhand aus Vierkantbalken zusammengeschraubt und im Boden versenkt. Netze wurden nur über die selbst angefertigten Bügel gespannt, wenn ein offizielles Spiel stattfand. Die Tore wurden nach den Verbandsspielen nicht abgebaut, dafür war die Konstruktion nicht vorgesehen und auch auf anderen Plätzen standen die Kästen immer parat. Unser Platz, an dem wir uns täglich trafen, war mitten im Dorf und direkt neben einem Bach. Wenn einer von uns den Ball zu scharf spielte oder in einer Defensivaktion zu dynamisch klärte, landete das nicht immer ganz runde Leder im Gewässer und der Jüngste hatte das „Vorrecht“, den Ball wieder zu angeln. Dann konnte es weitergehen. Im Übrigen war es eine große Ausnahme, dass ich an den Spielen der „Großen“ schon teilnehmen durfte, denn ursprünglich wurde ich beim Wählen der Mannschaften nicht berücksichtigt. Die anderen waren bereits sechs oder sieben Jahre alt oder vielleicht noch etwas älter. Aber eines Nachmittags kam unsere Hausfee, Frau M., mit auf den Platz und erklärte, dass das Gelände meinem Opa gehöre und wenn ich nicht mitspielen dürfe, dann spielte keiner. Das war der Startschuss für viele Stunden, die ich dem runden Leder nachjagte. Natürlich wurde man anfangs als Letzter gewählt, aber nach ein paar Spielen hatte man sich schon etwas etabliert und siehe da, das schlug sich auch im Rang des Gewähltwerdens nieder. Ein unmittelbares Feedback für Deine Leistung.
Wenn ich mir dann die ersten Schritte meines jüngeren Sohnes, er ist heute 13 Jahre alt, anschaue, dann sah das etwas anders aus. Der Verein des Marktes, in dem wir wohnten, organisierte ein Schnuppertraining für seinen Jahrgang, als er knapp fünf Jahre alt war. Diejenigen, denen das Kicken Spaß machte, trafen sich von nun an einmal in der Woche zu einem organisierten Ballspiel über 90 Minuten und sukzessive wurde eine G-Junioren-Mannschaft geformt, deren Spiele unter dem Dach des Bayerischen Fußballverbands organsiert wurden. Eine Tabelle und einen saisonübergreifenden Wettbewerb gab es in den ersten Jahren noch nicht. Der Schiedsrichter wurde durch einen „Fairplaybeauftragten“ ersetzt, der die Kinder möglichst frei spielen ließ und nur im Bedarfsfall von außerhalb der Seitenlinie eingriff. Das Team trainierte auf Initiative zweier engagierter ehemaliger Fußballer nun zweimal pro Woche. Treffen außerhalb der Trainingszeiten: Fehlanzeige.
Der Alltag vieler, fast aller, Kinder ist heute so organisiert, dass ungeplante Treffen auf dem Platz nicht mehr möglich sind. So lange zwischen den Eltern das Freizeitmanagement nicht so gestaltet wird, dass sich die Kleinen auf den Plätzen treffen, findet das auch nicht statt. Selbstmanagement durch die Kinder: Fehlanzeige! Auf den Plätzen ist schlichtweg niemand. Das Zeitmanagement des Nachwuchses erfordert schon einen eigenen Kalender, den ein Erwachsener pflegt. Tennis-, Judo- und Musikstunden müssen aufeinander abgestimmt und geplant sein. Wollten mein Sohn und sein Freund sich nachmittags treffen, dann musste dies bereits einige Tage vorher geplant und mit dessen Eltern kommuniziert werden.
Und wie sieht es denn auf unseren Plätzen außerhalb der offiziellen Termine aus? Die Torkästen sind mit Ketten und Schlössern versehen, dass sie nicht einfach so genutzt werden können, und viele Platzwarte verbieten das Spiel auf deren „heiligen“ Grünflächen. Auch das Thema Verantwortung wird gesellschaftlich heute anders interpretiert, als das noch in meiner Kindheit der Fall war. Wir wurden von unseren Eltern ermahnt, aufzupassen. Heute werden Verantwortliche gesucht, wenn ein Schaden entstanden ist, um diese zur Rechenschaft zu ziehen.
Bitte nicht falsch verstehen, ich möchte niemanden kritisieren, sondern lediglich die Umstände aufzeigen. Aber letztlich darf/sollte man sich die Frage stellen, unter welchen Umständen sich unsere Kinder entwickeln und ob diese Umstände für deren Entwicklung förderlich sind?
Organisierte diverse Entwicklungsstunden in einem hygienischen Umfeld an vielen Nachmittagen versus tägliches Selbstmanagement und eigene Erfahrung sammeln im freien Spiel untereinander!



