Scheinheilige Lippenbekenntnisse
Aktualisiert: vor 7 Stunden
WM-Vorrundenaus unserer Frauen und scheinheilige Lippenbekenntnisse!
Wollen oder können der DFB und die Proficlubs der Leistungszentren das nicht sehen?
Nach dem Vorrunden-Aus der DFB-Frauen-Auswahl, greifen die üblichen Mechanismen von der Kritik am Trainerstab, der fehlenden Spielidee im Offensiv- und Defensivspiel des Teams und die zu einseitige Entwicklung unserer Talente, wie es bspw. auch die Ex-Profi-Spielerin und ZDF-Expertin Kathrin Lehmann in Ihrem Statement deutlich machte:
„Die junge Generation, die hochkommt, ist geschleckt, geschult und hat Videoanalysten und muss keine eigenen Entscheidungen mehr treffen. Die kriegen vorbestimmt: Wo müssen sie verschieben. Es heißt immer, denen ist nichts mehr eingefallen. Die lernen es nicht mehr. Ich rufe alle auf: Geht wieder raus, spielt Straßenfußball, geht kicken, da lernt ihr das“.
Auch die ZDF Kommentatorin Claudia Neumann kritisierte bereits während des Spiels: „Die Eigenschaft, auf Widrigkeiten zu reagieren, ist nicht ausgeprägt und das ist ein dickes Manko dieser Mannschaft."
„Ich glaube, dass die Goldene Generation, die vor 20 Jahren den Titel geholt hat, deutlich gewohnter war, mit Widerständen umzugehen als die jungen Frauen und Männer von heute."
In meinem ersten Beitrag, „Sehen die Plätze, auf denen sich die Talente der Zukunft entwickeln, so aus?“, hatte ich dieses Thema bereits angesprochen. Aber aus meiner Sicht ist es nicht einfach mit einem Statement, „…geht wieder raus, spielt Straßenfußball,…“ getan. Wer ist denn auf der Straße oder auf den Plätzen? Der gesellschaftliche Wandel ist nicht einfach umzukehren!
Der Sportwissenschaftler und Gesundheitsexperte, Prof. Dr. Ingo Froböse, ermahnt unsere Politik ebenfalls dazu, dem Sport mehr Bedeutung beizumessen. „Der Abstieg geht immer weiter. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn wir bald als Sportentwicklungsland betrachtet werden", schrieb der Ex-Spitzenleichtathlet bei Facebook.
In Bezug auf den Fußball in Deutschland gibt es einige Anzeichen, die auch darauf hindeuten, dass andere Nationen deutlich sportlicher unterwegs sind als wir. Klar spricht die demografische Entwicklung nicht unbedingt dafür, dass wir eine junge, aufstrebende, aktive Nation ist. Aber unsere Bevölkerungsdichte und unsere Liebe zum Fußball müsste schon mehr hergeben, als ein Ausscheiden unserer A-Teams in den Vorrunden der Weltmeisterschaften.
Was können wir also tun?
Zum einen ist die Politik gefordert, dem Sport in der Gesellschaft einen deutlich höheren Rang einzuräumen. Die Schüler dürfen nicht nur an PCs sondern auch in den Turnhallen und auf den Sportplätzen mehr gefördert werden. An der Motivation der Kinder scheitert das sicherlich nicht!
Damit würde die Politik/die Gesellschaft einen Grundstein für eine sportlichere, im Übrigen auch gesündere, Bevölkerung legen.
Darüber hinaus sind aber auch die Verbände, an der Spitze der DFB, und die Vereine gefordert! Wenn wir wirklich eine bessere Talententwicklung im Deutschen Fußball erreichen wollen, dann reichen scheinheilige Lippenbekenntnisse nicht aus.
Gerade Joti Chatzialexiou, sportlicher Leiter der Nationalteams, muss seinen Worten Taten folgen lassen!
Seine Einschätzung, die Mühlen mahlen zu langsam, kann ich nicht teilen.
Wir sind in der Talentförderung (-sichtung) zwar gut organisiert, behandeln sie aber dennoch stiefmütterlich. Junge Spieler im Bereich U11, U13 und U15 zu sichten ist ein erster Schritt, den der DFB seit 2003 mit den 366 Stützpunkten in Deutschland umsetzt, aber er ist nicht zu Ende gedacht.
Auf den Internetseiten zur Talentförderung heißt es beim Verband, dass die Talente mit dem Stützpunkttraining eine weitere Trainingseinheit auf hohem Niveau zur besonderen Förderung erhielten, aber ist dem wirklich so? Können die Stützpunkttrainer der angepriesenen individuellen Unterstützung gerecht werden? Ich meine, nein!
Dieses wöchentliche, zusätzliche Training ist eine Plattform, auf der wir unsere aktuellen Talente verdichtet kicken sehen und ihnen ggf. ein paar Impulse geben können. Aber eine Förderung oder gar Entwicklung muss durch häufigeres Üben in der Freizeit und in den Vereinsmannschaften umgesetzt werden. Am besten bietet man die Gelegenheit, täglich zu kicken! Und das nicht permanent unter höchstem Leistungsdruck, wie das bspw. in den 56 Leistungszentren des DFB der Fall ist.
Aber wie? Ein Holzweg, der die Scheinheiligkeit unserer Verbände und Leistungszentren aufzeigt, ist bspw. der, der unsere Nachwuchstrainer regelrecht aus- und abnutzt! In vielen Leistungszentren werden Vollzeitjobs mit Minijob-Vergütungen entlohnt. Und das im Einzelfall nicht einmal zuverlässig!
Die Vereine, die die Leistungszentren betreiben, geben andererseits Millionen für Profis und deren Trainer aus. Im Übrigen sind dies auch die Vereine, in denen man unseren Talenten größtenteils nicht die Zeit geben kann, sich zu etablieren. Ich gebe zu, es gibt Ausnahmen.
In den Vereinen, in denen Amateurfußball gespielt wird und die Basis unserer Fußballnation bilden, kann kaum mehr gemacht werden. Ehrenamtliche engagieren sich in einer Zeit, in der regelmäßig beide Elternteile arbeiten gehen, sowieso mehr als man erwarten dürfte. Kann man dieses Engagement nicht besonders fördern?
Ich meine, ja! Aber warum sollten Vereine im Amateurbereich anders arbeiten, als unsere Vereine der Leistungszentren?
Die Trainer der A-Teams werden für Ihre Aufwände regelmäßig entschädigt und auch entsprechend gewürdigt! Die Nachwuchstrainer werden, wie die Trainer- und Funktionsteams der Leistungszentren, viel zu wenig gewürdigt.
Selbstverständlich ist eine Ausbildung der Nachwuchstrainer in der Breite eine Grundvoraussetzung! Hier ist der DFB gefordert! Gegenwärtig agiert man von Verbandsseite aber viel zu zögerlich und zu ideenlos!
Aber auch die Nachwuchsarbeit in den Leistungszentren darf neue Wege gehen! Unsere Spitzentalente dürfen mehr Eigenverantwortung übernehmen, um das auch auf dem Platz zeigen zu können. Es ist aus meiner Sicht jedoch nicht förderlich, die Kicker bereits im U11- oder U13-Bereich mit langen Fahrten zu den Leistungszentren einem Freizeitstress und Leistungsdruck auszusetzen. Den Ehrgeiz sollte ein echtes Talent selbst mitbringen und dann braucht es eine gewisse Leichtigkeit um wachsen zu können.
Was wäre denn, wenn man in diesem Altersbereich etwas breiter angelegt Stützpunkt- und „Sichtungsspieler“-Turniere organisiert? Das Ganze viel durchlässiger und nicht so statisch aufstellt, um den Leistungsdruck herauszunehmen? Sichtung und Spaß sind doch in diesen Entwicklungsjahren viel effizienter als Leistungsdruck und Freizeitstress! Das würde aus meiner Sicht die Freude am Fußball fördern, die Sichtbarkeit der Talente erhöhen und eigenverantwortliche „Perspektivprofis“ fördern.
Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung unter meiner Rubrik „So schaut's aus“ aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!



