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Neues DFB-Nachwuchs-Konzept wirklich grotesk?

Walter Sperger
13. Aug. 2023
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Stunden

Neues umzusetzen braucht Mut und weniger Traditionsbewusstsein!


Das in Teilen veröffentlichte neue Konzept zur Nachwuchsförderung des DFB sorgt für Verwunderung. So äußerten Thomas Helmer und auch Dietmar Hamann deutliche Kritik vor allem an dem Teil des Konzeptes für U6 bis U11-Mannschaften, in dem Meisterschaftsrunden durch Spielenachmittage und Festivals ersetzt werden sollen.

Was ist von dem Konzept unseres Fußballverbands bereits veröffentlicht und sind die angedachten Veränderungen sinnvoll?

Vorweg möchte ich mich jedoch ausdrücklich entschuldigen für einen Satz, den ich vergangene Woche in meinem Beitrag „Scheinheilige Lippenbekenntnisse“ an den Sportlichen Leiter der Nationalteams, Joti Chatzialexiou, richtete. Er müsse seinen Worten Taten folgen lassen und ich könne seine Einschätzung nicht teilen, dass die Mühlen zu langsam mahlten, warf ich ihm vor.

Wachgerufen hat mich der oben genannte Artikel, in dem Helmer das Konzept als „grotesk“ abtut und Hamann auch nicht mit Kritik spart. Deren Aussagen ließen mich im Netz recherchieren, was bereits über das neue Papier zur Förderung unserer Talente bekannt ist. Im Übrigen wurde das Thema heute sehr ausführlich auch während der Fußballtalkshow, Doppelpass, des Privatsenders SPORT1 diskutiert, was auch euer/unser Interesse an diesem Thema unterstreicht.

Bereits am 01. Dezember 2020 berichtete der Nachrichtensender NTV in einer Kurznachricht, dass sich, gem. eines vertraulichen DFB-Dokuments, die Juniorenbundesligen umstrukturieren sollen und auch der Spielbetrieb von der U14 bis zur U17 eine andere Form annehmen solle.

Heute, Mitte August 2023, können wir davon immer noch nichts sehen, aber das vertrauliche Dokument nimmt Gestalt an. Insofern kann ich nun die Aussage unseres sportlichen Leiters der Nationalteams schon nachvollziehen.

So ein Verband, wie unser DFB, hat naturgemäß viele Entscheidungsgremien, die bei Veränderungsprozessen dieser Tragweite einbezogen werden dürfen. Das schützt einerseits vor zu kurz gedachten Maßnahmen, führt andererseits aber offensichtlich zu viel zu langen Entscheidungswegen. Daher nehme ich Abstand von dem von mir geäußerten Unverständnis für den von Joti Chatzialexiou geäußerten Satz, die Mühlen mahlten zu langsam.

Aber zurück zum Konzept und der von Thomas Helmer und Dietmar Hamann geäußerten Kritik an den Veränderungen für den Spielbetrieb der U6 bis U11-Junioren. Meine Erfahrung mit Juniorenmannschaften aus unterschiedlichsten Perspektiven zeigt mir, dass der Wettbewerb einen entscheidenden Einfluss auf den Spaß und die Freude, aber auch vor allem auf den zu Tage gelegten Ehrgeiz hat. Helmers und Hamanns Kritik, den Wettbewerbscharakter und den Leistungsvergleich für diesen Altersbereich abzuschaffen, scheint zunächst also vollkommen gerechtfertigt.

Vielleicht sind aber die Begriffe „Spielenachmittage und Festivals“ etwas unglücklich und führen hinsichtlich des Charakters dieser neuen Nachwuchsförderung in die Irre.

Der DFB erklärt die neuen Spielformen auf seiner Website u.a. in der Rubrik „Frequently Asked Questions“ (FAQ) und führt auch zu den Zielen dieses neuen Formats aus:

- viele Ballkontakte,

- aktiv am Spiel teilnehmen,

- Tore erzielen und 

- viele Erfolgserlebnisse schaffen.

Und die angedachten Spielformen, die ab der Saison 2024/2025 umgesetzt werden sollen, werden diesen Zielen auch gerecht, sofern man das, ohne Teil der zweijährigen Pilotphase gewesen zu sein, beurteilen kann. 

Gerade in meinem Beitrag zum Wandel der Gesellschaft und den damit verbunden Einfluss auf die Talententwicklung im deutschen Fußball, habe ich u.a. den DFB und die Vereine in die Verantwortung genommen, umzudenken. Und ich finde, der DFB macht mit dieser Änderung einen großen Schritt nach vorne, ohne dabei den Wettbewerbscharakter und den Leistungsvergleich aus den Augen zu verlieren. Konzentrieren wir uns für heute auf diesen Altersbereich. Im Übrigen der Lebensabschnitt bis hin zur ersten Sichtung!

Der Spaß am Spiel, viele Ballkontakte, viele Tore und das konzentriert auf einen Nachmittag klingt fantastisch. Der Schlüssel zum Erfolg dieser einschneidenden Maßnahmen liegt meines Erachtens bei den Funktionären und Eltern und bei einem erfolgreichen „Projektmarketing“.

Gerade in dieser Hinsicht sind die kurz gegriffenen Aussagen Helmers und Hamanns kontraproduktiv. Die Kinder, auch bereits in diesem Alter, schauen zu Ihren Idolen auf. Auch wenn beide gestandenen ehemaligen Fußballprofis schon lange aus dem aktiven Business ausgeschieden sind, haben sie durch ihre Medienpräsenz noch heute Strahlkraft im Fußball und das eine oder andere Elternteil wird den Kleinen schon erklären, wer Hamann und Helmer sind.

Also Altprofis und Aktive, nehmt Euch zurück und gebt dem neuen Konzept eine Chance! Es geht um mehr als Tradition und Aufstiegschancen im Altersbereich U11! Wir dürfen die Kids für unseren Sport begeistern. Sonst fehlt dieser Sportart künftig der Nachwuchs! Und der Leistungsvergleich an den „Spielenachmittagen“ reicht in diesem Alter völlig aus. Gerade das Thema Aufstieg ist im Juniorenbereich mit äußerster Vorsicht zu genießen. Aber dazu mehr in der nächsten Woche.

Infomaterial zu den Spielformen für die Kids bis zu 10 Jahren findet ihr auf den Downloadseiten des DFB.

Appell an die Eltern und Funktionäre:

Bitte liebe Erwachsenen, steht dem Neuen nicht so skeptisch entgegen und organisiert spannende Wettkampfnachmittage mit einem kurzweiligen Rahmenprogramm, so wie ihr das heute bereits bei den Spielen eurer Kinder macht!

Und meine sehr geschätzten Funktionäre in den Verbänden und Vereinen, transportiert und unterstützt die Idee dieser Änderungen!

Wie eine erfolgreiche Umsetzung gelingen kann, wird auf vielen Plätzen bereits gezeigt, auf denen man in diesem Altersbereich seit Jahren nach Fairplay-Regeln spielt. Für die Kinder war diese Änderung ein Schritt hin zur gelebten Fairness. Und ich behaupte, dass dort, wo Erwachsene die Idee nicht torpedieren, die Kinder profitieren!

Leider habe ich auch das Gegenteil erlebt und Eltern und Trainer gesehen, wie sie ihre Sprösslinge zu mehr Härte, zu „Schwalben“ und aktiv zu Fouls aufforderten! An der Stelle erübrigt sich jeglicher weiterer Kommentar.

Und jetzt noch ein abschließender Gedanke, der sich hauptsächlich an die Vereine richtet:

Wenn der Verband mit dem neuen Konzept die Kinder erreicht, und das scheint die zweijährige Pilotphase bestätigt zu haben, wären diese Spielformen nicht bereits heute auch etwas im Rahmen der Trainingseinheiten oder gar außerhalb der offiziellen Trainingszeiten?

Nicht auszudenken, mit wie viel Leben die Plätze wieder gefüllt werden könnten, sofern die Eltern die Nachmittage Ihrer Kinder nicht bereits im 30-Minuten-Takt verplanten.

Ich freue mich darauf, mit euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung unter meiner Rubrik „So schaut’s aus“ aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!

 
 
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