Eltern - PEINLICH oder ein Faktor in der Entwicklung?
Aktualisiert: vor 7 Stunden
Was man auf Fußballplätzen erleben darf, ist an manchen Tagen schon grenzwertig und man möchte, obwohl man dabei übergriffig handelt, Eltern darauf aufmerksam machen, was sie ihrem Nachwuchs gerade antun.
Manche Fußballexperten-Eltern coachen ihre Kinder vom Spielfeldrand aus und machen deutlich, wie ehrgeizig sie sind und was sie von Schiedsrichterentscheidungen oder den Aktionen des Gegners halten.
Eine PEINLICHKEIT für die Kinder, deren Team und letztlich anstrengend und kontraproduktiv für alle Beteiligten.
In einem meiner vorherigen Beiträge, „Neues Konzept zur DFB-Nachwuchsförderung“, bin ich in einem Nebensatz bereits darauf eingegangen, dass Erwachsene, und damit sind nicht nur die Eltern gemeint, eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des Nachwuchses einnehmen.
Werfen wir kurz einen Blick auf eine wissenschaftliche Abhandlung von Reeves @ Soccer & Society aus dem Jahr 2018, in dem er die Faktoren (er nennt sie wissenschaftlich korrekt beschrieben Prädikatoren) der Talententwicklung im Nachwuchsfußball auflistet:

Diese Übersicht ist aus vielerlei Gründen interessant und kann uns bei unterschiedlichen Anlässen eine gute Hilfestellung leisten, um einen Überblick zu wahren. Ich werde sie von Zeit zu Zeit wieder beanspruchen.
Heute widmen wir uns den soziologischen „Prädikatoren“, die wir umgangssprachlich auch „Faktoren“ oder „Merkmale“ nennen können. An erster Stelle wird hierbei der Punkt „Unterstützung durch die Eltern“ aufgeführt.
„Unterstützung durch die Eltern“ ist aus meiner Sicht ein irreführender Ausdruck. Auch wenn damit ganz sicher nicht das oben beschriebene zusätzliche Coaching gemeint ist, so suggerieren die Worte eine ausschließlich aktive Hilfestellung in Form von bspw. Fahrten zum Training, guten Zuspruch, Zubereitung von Mahlzeiten o.Ä..
ELTERN nehmen jedoch schon alleine durch ihr Wesen und das familiäre Umfeld, das sie gestalten, einen erheblichen Einfluss auf die Einstellung und die Entwicklung der Persönlichkeit des jungen Menschen. Sie handeln in jeder Alltagssituation als Vorbilder ihrer Kinder, die geradezu seismografische Antennen für die jeweiligen Situationen haben und am Beispiel lernen. Die Vorbildfunktion haben Eltern permanent inne und sie können sie nicht abstreifen, aber natürlich prägen Eltern auch durch Gespräche, Einschätzungen, Handlungsempfehlungen und Berührungen.
Ich nutze den Ausdruck Resilienz nur ungern, weil er an vielen Stellen heutzutage überstrapaziert wird, aber im Zusammenhang mit der Entwicklung eines Fußballtalents ist exakt mit Resilienz eine Eigenschaft beschrieben, die größtenteils nicht genetisch disponiert ist, sondern entscheidend durch das enge soziale Umfeld geprägt wird.
So verfügt ein junger Mensch, der „gesund“ von seinen Eltern begleitet wird, über ein gutes Selbstwertgefühl und kann dadurch mit Leistungsdruck, Kritik und Rückschlägen besser umgehen, begreift diese ggf. sogar als Herausforderung, wohingegen andere Jugendliche bei gleichen Einflüssen einen Leistungseinbruch erleiden oder gar resignieren.
Ein stabiles familiäres Umfeld, in dem jungen Menschen vermittelt wird, Verantwortung zu übernehmen, Teil eines Teams zu sein, zu geben und zu nehmen, bildet ein solides Fundament.
An dieser Stelle ist ein Hinweis an Alleinerziehende und getrennt lebende Paare angebracht: Auch ihr könnt ein stabiles familiäres Umfeld schaffen, wenngleich unsere Gesellschaft/Kultur erst einmal etwas anderes signalisiert und es für euch oftmals ungleich schwerer ist.
Wenn sich also, unter Wahrung des familiären Gleichgewichts (ausgewogene Interessenberücksichtigung der anderen Familienmitglieder), Erziehungsberechtigte mit dem Weg eines Fußballtalents aktiv auseinandersetzen und unterschiedliche Entwicklungen gut einzuordnen wissen sowie sich diesbezüglich mit ihren Kindern angemessen austauschen, dann bieten Eltern eine Basis, auf der Kinder grds. und Fußballtalente insbesondere gut aufbauen können.
Da Eltern die Experten sind, wenn es um ihre Kinder geht, sollten sie genauestens darauf achten, ihren Nachwuchs nicht zu überfordern. Es ist nicht entscheidend, ob ein Fünf- oder Siebenjähriger bereits die Stiefel für einen Bundesligaclub schnürt. Es geht auch nicht um Träume der Eltern, die der Filius jetzt umsetzen darf oder um den Ehrgeiz der Eltern, das Besondere an ihren Kindern zu unterstreichen.
NEIN, die Kunst ist, genau hinzuschauen, Freiraum für Entwicklung zu schaffen, Verantwortung zu übertragen, Fehler zu tolerieren, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl aufzubauen und angemessen zu bestärken, wenn es erforderlich ist!
Meine Meta-Werte oder nennt sie Guidelines für uns Erziehungsberechtigte:
(1) Seid immer ehrlich und authentisch!
Es nützt niemanden, wenn ihr euch oder euren Kids etwas vorgaukelt.
(2) Gebt den Kindern maximalen Freiraum, um sich selbst zu erfahren!
Die jungen Menschen haben ein Recht darauf, ihren Weg zu finden und zu gehen.
Packt eure Kinder nicht in Watte, sie verstehen und erfühlen viel mehr, als wir ihnen oftmals zutrauen oder zumuten möchten.
(3) Toleriert Fehler und sorgt dafür, dass eure Kinder sie als Chance begreifen!
Ihr bereitet den Boden! Wachsen darf die Pflanze selbst!
Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung unter meiner Rubrik „So schaut’s aus“ aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball.



