DFB-Talentförderung und die Ausbildungsprinzipien
Aktualisiert: vor 7 Stunden
Kann man mit dieser Organisation und diesen Rahmenbedingungen den hehren Ausbildungsprinzipien der DFB-Talentförderung gerecht werden? Auf den Seiten der DFB-Akademie unter dem Reiter „Informationen zum DFB-Förderprogramm“ werden die Prinzipien zumindest vollmundig dargestellt!
Dazu muss man wissen, dass sich das Förderprogramm auf das sog. Stützpunktraining an den gut 350 Stützpunkten des DFB bezieht. Dort werden einmal pro Woche talentierte U13 und U15 Spieler*innen für 90 Minuten gemeinsam trainiert. Pro Stützpunkt stehen ca. drei Trainer für die Trainingsgruppen, die 15-20 Spieler umfassen, zur Verfügung.
Ich möchte im Folgenden auf die Ausbildungsprinzipien des DFB-Förderprogramms im Einzelnen eingehen und meine Sicht der Dinge darlegen.
Auf der Website der DFB-Akademie wird Eltern ein „Flipbook“ angeboten in dem es dazu auf Seite 8 heißt:
Alle Trainer*innen im DFB-Talentförderprogramm orientieren sich in Ihrer Arbeit an gemeinsamen Leitlinien.
SPIELORIENTIERT TRAINIEREN
„Das Spiel ist der Lehrmeister“ – Alle Trainingsformen sollten den Bezug zum Spiel oder zu einer Spielsituation erkennen lassen. Übungsformen ergänzen Spielformen und nicht umgekehrt.
Im Klartext heißt das, ein Trainer sollte Übungsformen so erklären, dass den Spielern der Bezug zur Spielsituation transparent ist und sie den Transfer ins Match schaffen. Das erfordert Zeit und ein Nachfassen bei den Spielern, ob die Information auch entsprechend angekommen ist.
Grds. bin ich der Meinung, dass das nicht nur an den Stützpunkten so umgesetzt werden sollte, denn schließlich trainieren wir dafür, Spiele erfolgreich zu bestreiten, und nicht zum Zeitvertreib. Die Erklärungen erfordern Zeit. Die Umsetzung ist jedoch machbar und sollte gerade den DFB-Elite-Jugendtrainern möglich sein. In der Praxis stellt sich das leider häufig anders dar.
INDIVIDUALISIERT TRAINIEREN
„Das einzelne Talent steht im Mittelpunkt“ – Jedem Talent das eigene Feedback und die eigene Vermittlungsmethodik geben. Am einfachsten gelingt dies in Kleingruppen, im Individualtraining oder durch paralleles Coaching mehrerer Trainer*innen.
Wann kann man das machen? Wenn der Trainer die Spieler namentlich in der Gruppe benennt, begeht er einen Drahtseilakt. Zuviel Kritik könnte den Einzelnen demotivieren oder verunsichern. Die Lehre sagt 2/3 Lob und 1/3 Kritik wären wichtig, um die Motivation zu fördern oder aber keine persönliche Kritik sondern allgemeine Äußerungen, wie bspw. „In dieser Situation, nimmt man wenig Risiko und spielt einen sicheren Ball. Notfalls wird auch ein langer Ball geschlagen!“. Damit kritisiert man nicht persönlich, sondern stellt eine Spielsituation dar, die man allgemein erklärt. Natürlich kann es sein, dass Erklärungen aufgrund sprachlicher Barrieren nicht so leicht aufgenommen werden können, aber durch eine Darstellung der Spielsituation werden gewünschte Handlungen auch deutlich. Individueller kann die Methodik aus meiner Sicht nicht werden. Dazu fehlt die Zeit und auch die Mittel während der Fördereinheiten.
IM DETAIL TRAINIEREN
„Kleinigkeiten sind entscheidend“ – Präzise Coachingtipps sind der Schlüssel zum Erfolg. Nicht nur Fehler analysieren, sondern zukünftige Aktionen qualitativ besser machen.
Wie weiter oben, unter dem Punkt „Individualisiert trainieren“, angesprochen, begeht man den Drahtseilakt des zu häufigen Kritisierens und des Demotivierens, wenn man immer wieder auch Kleinigkeiten verbessert. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Trainingseinheiten zu häufig unterbrochen werden. Ein DFB-Elite-Jugendtrainer benötigt ein gutes Fingerspitzengefühl für die jeweilige Situation.
SCHWERPUNKTE TRAINIEREN
„Komplex, aber nicht kompliziert“ – Gezielte, wenige Themen pro Trainingseinheit mit den Spieler*innen bearbeiten. Die Komplexität des Spiel beibehalten, aber insbesondere durch das Coaching deutlich machen, welcher Schwerpunkt im Fokus steht.
In dem Flipbook heißt es an anderer Stelle, dass sich die Schwerpunkte an folgenden Spielmomenten orientieren:
Tore erzielen,
Tore vorbereiten und
Ballsicherung.
Das klingt erst einmal sehr gut, aber jeder Schwerpunkt ist komplex und mir fehlt ein methodischer Aufbau. Vom leichten zum schweren, vom einfachen zum komplexen und vom langsamen zum schnellen Ablauf. Vom Ablauf ohne Gegnerdruck zum Ablauf mit 100% Gegnerdruck. Und an welcher Stelle kommen denn die Basics zum Tragen? Individualtaktisches Verhalten auch „gegen“ den Ball? An der Stelle sind mir die Ausbildungsprinzipien zu oberflächlich und gehen an der Realität vorbei. Aus meiner Sicht sollte das Defensivverhalten zunächst erarbeitet werden. Ähnlich wie bei einem Mathe-Lehrer in den ersten Stunden eines Unterrichtsjahres. Die Spieler die an den Stützpunkt kommen, sollten zunächst auf deren Kenntnisstand überprüft werden. Sicherlich tun sich hier große Unterschiede auf, da die Kicker von unterschiedlichen Trainern in Ihren Vereinen begleitet wurden. Dann kann man die Lücken in den „Basics“ schließen und ein Zielverhalten erarbeiten, um anschließend zu den komplexeren Themen überzugehen. Am Anfang stehen jedoch die Grundlagen und eine gemeinsame Basis. Und meine Erfahrung zeigt, dass viele individualtaktische Fundamente nicht vorhanden sind, welche in diesem Lernalter unbedingt erarbeitet werden müssen, damit sie in Fleisch und Blut übergehen. Das hat nichts mit weniger individueller Förderung zu tun, sondern damit, eine Ausgangslage herzustellen, von der aus alle weiteren Schritte erarbeitet werden können. Anders wäre es ein bisschen so, als würde man mit einer willkürlich zusammengesetzten Klasse talentierterer Schüler mit uneinheitlichem Wissensstand in die Kurvendiskussion einsteigen.
GANZHEITLICH TRAINIEREN
„Fußball ist mehr als ein 1:0“ – Die Spieler*innen aktiv in Entscheidungsprozesse mit einbinden und Phasen der Selbstreflexion und Eigenverantwortung ermöglichen.
Es klingt fantastisch, erfordert aber auch Zeit und Geschick. In spezifischen Trainingssituationen ist das abbildbar und kann gerade bei Standbildern im Training einen „Aha-Effekt“ auslösen. Dinge, die vom Spieler selbst erkannt und geäußert werden, setzt er anschließend besser und nachhaltiger um. Psychologisch betrachtet sehr wertvoll.
PERSPEKTIVISCH TRAINIEREN
„Potential und Entwicklung sind bedeutsamer als aktuelle Leistung“ – Entwicklungsfortschritte beobachten, bewerten sowie den aktuellen Leistungsstand als Hinweis und nicht als Ausschlusskriterium sehen.
Das mit Abstand am schwierigsten umzusetzende Prinzip. Hierbei bedarf es vieler Gespräche. Eine besonders klare Kommunikation ermöglicht es Spieler*innen sich zu entwickeln und den Platz im Talentförderprogramm des DFB zu rechtfertigen. Fehlt es jedoch über einen längeren Zeitraum über erkennbare Fortschritte und das trotz einiger Gespräche, muss man auch in Betracht ziehen, sich von einem Talent zu trennen und damit den Umfang der Trainingsgruppe zu reduzieren oder aber auch einem anderen Talent die Chance zu geben, sich zu zeigen.
FAZIT:
Die Ausbildungsprinzipien sind für sich betrachtet wertvoll und schlüssig, aber in Gänze kaum umsetzbar. „Schwerpunkte trainieren“ lässt die Basics und eine gemeinsame Grundlage sowie den methodischen Aufbau vermissen. Die Realität an den Stützpunkten sieht häufig ganz anders aus.
Der Schlüssel zum Erfolg steckt meines Erachtens viel mehr in der Trainerausbildung. Wenn man sich die hehren Ausbildungsprinzipen genauer anschaut, wird von einem DFB-Elite-Jugendtrainer eine Menge verlangt. Er muss ein hervorragender Pädagoge und Psychologe sein, um Dinge adäquat vermitteln zu können. Und dann bleiben ihm pro Altersgruppe beim einem Schlüssel von 1:5 bis 1:7, also ein Trainer für 5 bis 7 Spieler, 90 Minuten pro Altersgruppe, um individuell zu fördern. Das klingt in Anbetracht der Ausbildungsprinzipien nicht nur utopisch sondern das ist es auch!
Es wäre viel wichtiger, einen engeren Schulterschluss mit den Vereinstrainern zu suchen, an deren Ausbildung zu arbeiten und gemeinsam die Entwicklung der Talente voranzutreiben. Abgestimmt erkennt man Fehlentwicklungen auch leichter und kann evtl. auch Pausen einstreuen, wenn dies sinnvoll erscheint.
Und natürlich ist auch das Talent in der Bringschuld. Grundvoraussetzung sind Ehrgeiz und Fleiß, sich selbst und seine fußballerischen Fähigkeiten zu entwickeln.
Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung unter meiner Rubrik „So schaut’s aus“ aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!



