Das Leibchen mit dem Bundesadler - Lust oder Last?
Aktualisiert: vor 7 Stunden
Es wird in diesem Beitrag vielleicht das eine oder andere Mal etwas emotional, aber das mag dann meiner Euphorie in Bezug auf unsere Nation geschuldet sein. Ich bitte Euch diesbezüglich schon im Vorhinein um Verzeihung.
…aber eigentlich möchte ich das nicht! Warum soll ich mich für Emotionalität im Zusammenhang mit meinem Vaterland entschuldigen? Vielleicht, weil der eine oder andere Akteur mit unserem Bundesadler auf dem Leibchen die Leidenschaft vermissen ließ, die man sich als Fußballfan Deutschlands erhoffen darf?
Das Spiel gegen unsere Gäste aus der Türkei eignet sich hervorragend, um im Rahmen einer Ferndiagnose bestimmte Dinge anzusprechen, die uns aus Fan-Sicht schon sehr irritieren!
Lasst uns doch zunächst über Kenan Yildiz und die Darstellung unserer Reporter des Privatsenders RTL vom vergangenen Samstag, 18.11.2023, sprechen. Für diejenigen, die den Namen vielleicht nicht gleich parat haben: Über den Fall Kenan Yildiz hatte ich in meinem Beitrag, DFB-Talentförderung – Fokus neu schärfen, bereits berichtet und darauf hingewiesen, dass wir ggf. unsere Sicht auf die Spieler/Talente verändern dürfen. Frei nach dem Motto, für einen Hammer besteht die Welt nur aus Nägeln, liegt es eben an uns.
In Bezug auf ein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft angesprochen, erwiderte Kenan Yildiz gegenüber der Bild, "Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Türke. Deutschland ist nie auf mich zugekommen, hat mich nie kontaktiert. Ich hätte mich mit einer Anfrage auseinandergesetzt, aber es gab keinen Anruf vonseiten des DFB".
Aber wollen wir einen Spieler im deutschen Team, der sich im Falle einer Anfrage des DFB damit auseinandersetzt?
Ich nicht! Und vielleicht gibt es auch Menschen, die eine ähnliche Sicht auf die Dinge haben wie ich? Einen Spieler, der in Deutschland geboren wurde, hier aufgewachsen ist und hier gefördert wurde, sollte es mit Stolz erfüllen, im Trikot der Nationalmannschaft auflaufen zu dürfen.
Wenn dem nicht so ist, dann möchte ich unter keinen Umständen diesen Kicker dabei erleben, unsere Nation zu vertreten.
Etwas mehr Patriotismus stünde uns bei aller Gastfreundschaft gut zu Gesicht!
Und das erwarte ich im Übrigen auch von unseren Kickern.
Ein Spielergebnis (ein Erfolgsziel) hängt von vielen Faktoren ab, die ein Trainer oder die Spieler nicht unmittelbar beeinflussen können.
Darauf wies Markus Weise,
2003 Auszeichnung mit dem Trainerpreis des Landessportverbandes Baden-Württemberg,
Olympiasieger 2004 mit der Damenhockey-Nationalmannschaft in Athen,
Olympiasieger 2008 mit der Herrenhockey-Nationalmannschaft in Peking,
2011: Trainer des Jahres (verliehen durch den Deutschen Olympischen Sportbund DOSB)
Olympiasieger 2012 mit der Herrenhockey-Nationalmannschaft in London,
in seinem Vortrag, „Hey Trainer, kannst Du auch Coach?“, vor dem Publikum des internationalen Trainer Kongresses (ITK) 2019 nachdrücklich hin. Ich möchte Euch in diesem Zusammenhang unbedingt den Vortrag, der in Teilen auf YouTube zu sehen ist, ans Herz legen.
Dem DFB gelang es übrigens Ende 2015, sich die Dienste von Herrn Markus Weise zu sichern, der den Aufbau der DFB-Akademie, als Leiter der Konzeptentwicklung, maßgeblich gestaltete. Dafür wurde unser Fußballverband zu Recht gefeiert. Leider hat der DFB diesen Experten Mitte 2019 bereits wieder verloren.
Also ein Spielergebnis ist ein Erfolgsziel. Das Erreichen dieses liegt nicht gänzlich in der Hand von Trainer und Spielern. Handlungs- und Leistungsziele hingegen sind sehr wohl durch die handelnden Akteure direkt zu beeinflussen!
Für meinen heutigen Beitrag reicht eine verkürzte Erklärung: Natürlich wollen wir alle ein Spiel gewinnen. Das ist ein Erfolgsziel. Aber das Erreichen eines Erfolgsziels ist nicht komplett steuerbar, da es viele Störungen geben kann, die das Erreichen des Ziels gefährden, bspw.:
im privaten Umfeld der Spieler oder des Trainers ereignen sich Dinge, die einen Einsatz verhindern (Verkehrsunfall etc.),
Leistungsträger verletzen sich auf dem Platz,
Schiedsrichterentscheidungen werden nicht korrekt getroffen,
…
Daher empfiehlt es sich, Handlungs- und Leistungsziele zu verfolgen. Diese können u. a. wie folgt lauten:
Im Individualtaktischen Bereich: Ziel ist es, den Gegenspieler im Rahmen der Defensivaktion immer den Weg auf die Außenbahn anzubieten und ein Zuspiel in die gefährlichen Zonen durch Zustellen von Passwegen zu verhindern! oder
In Bezug auf die Technik: Ziel ist es, das Zuspiel auf meinen Mitspieler ohne Effet zu gestalten und diesen so anzuspielen, dass er mit offener Haltung das Spiel fortsetzen kann! oder
Auf der konditionellen Ebene: Im Rahmen des Trainings die fußballspezifische Schnelligkeit um X,X Sek. zu verbessern (kurzer Antritt über 15 Meter nach einem spielimmanenten Impuls).
Ich bin der festen Überzeugung, dass Fans mit mehr oder weniger fachlichem Background ein gutes Gespür für die Leistung entwickeln, die uns von „unserem“ Team dargeboten werden.
Wenn dann selbst der Bundestrainer davon spricht, dass das „Emotionsniveau“ in der ersten Halbzeit des Spiels gegen die Türkei nicht hoch genug gewesen sei und wir als Fans diesen Eindruck aus den vergangenen Darbietungen nur mehr als bestätigen können, dann ist auch im Rahmen einer Ferndiagnose festzustellen, dass etwas „faul ist im Staate Dänemark“!
Liegt es an den Spielern und deren Motivation?
Ist vielleicht das „Fußballgeschäft“, wie wir es heute erleben, die Ursache?
Häufige Vereinswechsel, das „Hinausstreiken“ aus einem Verein, die astronomischen Ablösesummen und Spielergehälter? Der frühe Einfluss von Spielerberatern? Das Vermarkten der eigenen Marke und damit einhergehend ein vergifteter Egoismus?
Sind unsere Stars so satt, dass das Auflaufen für Deutschland eher zur Pflichtveranstaltung, denn zur Kür wird?
Haben unsere Kicker das Bewusstsein dafür verloren, was es bedeutet, für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen?
Liegt es an den Reißbrett-Trainern und deren Geltungsbedürfnis?
Sind unsere Trainer mittlerweile zu sehr auf einem Spielfeld unterwegs, das sie wie ein Schachbrett mit den entsprechenden Figuren begreifen? Führt das Experimentieren der Konzepttrainer zu Vertrauensverlust und zu weniger Selbstverantwortung?
D.h. vergessen unsere Trainer / die Trainerstäbe / der Trainertross die Vertrauensebene, die Grundvoraussetzung für eine herausragende Leistungsentwicklung und -entfaltung ist? Hat bspw. die Vertrauensebene zwischen Leroy Sane und Julian Nagelsmann schon wieder die Qualität, um darauf internationale Höchstleistung gedeihen zu lassen? Haben Spieler und Trainer auch die Zeit, um eine Vertrauensbasis zu entwickeln? Kann darauf aufbauend eine gesunde Streitkultur entstehen? Übernehmen die Spieler Selbst- und Eigenverantwortung? Und hat man sich infolgedessen zu 100 % auf die Handlungsziele des Teams verpflichtet?
Herr Weise definiert gleich zu Beginn seines Vortrags die sozialen Verbindungen „Haufen“ (hat kein Interesse am Ziel und beteiligt sich nicht an der Verantwortung), „Gruppe“ (gemeinsames Ziel, aber wenn es enger wird, wird die Verantwortung abgeschoben) und „Team“ (es gibt gemeinsame Ziele, die auch gegen brutal hohe Widerstände weiter verfolgt werden).
Nur ein Team sei imstande, internationale Höchstleistungen zu erbringen. Diese sind aus meiner Sicht auch erforderlich, um im Weltfußball der heutigen Zeit, erfolgreich zu agieren!
Das Team sei auch leicht zu erkennen, so Weise weiter, nämlich dann, wenn das ICH zugunsten des WIR in den Hintergrund rückt!
Wir würden es unserer Nationalmannschaft und dem Bundestrainer wünschen!
Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung unter meiner Rubrik „So schaut’s aus“ aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!



