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1 : 1.000 - Welchen Zweck können NLZ erfüllen?

Autorenbild: Alexander Gebhard
Alexander Gebhard
7. Nov. 2023
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Die Frage, „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit Fußballprofi zu werden?“, hat uns am vergangenen Sonntag beschäftigt und ich durfte ein paar Kalkulationen darstellen, die sich auf die Wahrscheinlichkeit zum jeweiligen Augenblick Fußballprofi zu werden bezogen. Im Zuge meiner Recherchen, bin ich auf eine wissenschaftliche Abhandlung von Prof. Arne Güllich, TU Kaiserslautern, gestoßen, der sich mit der Talentförderung bzgl. Olympischer Sportarten beschäftigte.

Dann, im Verlauf der weiteren Suche, wurde ich auf ein Interview aufmerksam, das der Autor Eric Scherer der Online-Zeitschrift zum 1.FC Kaiserslautern, Der Betze brennt, mit Herrn Professor Güllich zu seiner jüngst vorgelegten Studie führte. Diese Studie beschäftigt sich mit der Talentförderung im Fußball.

Aus dem Interview geht hervor, dass lediglich eines von tausend Talenten später eine erfolgreiche Profikarriere durchlaufen wird.

Im Kern wird aus den Studien Folgendes deutlich:

  1. Frühe Förderung in der jetzigen Form ist für eine spätere Profikarriere hinderlich!

  2. NLZ können die Erwartungen der Stakeholder aus systemimmanenten Gründen nicht erfüllen!

  3. Fördersystem ist vor allem ein System des Ein- und Aussortierens!

  4. Viele Kinder leiden unter dem Druck des gegenwärtigen Fördersystems!

  5. Mehr als jeder zweite Aussortierte leidet unter klinischen Stress- und Depressionssymptomen!

  6. Zweitsportarten im Kinder- und Jugendalter erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer späteren Profikarriere!

Diese Aussagen sind die Essenz wissenschaftlicher Arbeiten eines renommierten Sportwissenschaftlers.

Sicher werden uns erfolgreiche Beispiele von den jeweiligen Institutionen entsprechend präsentiert. Das unterstreicht auch ihre Daseinsberechtigung in der jetzigen Form. Aber bei genauerem Hinsehen relativieren sich die Zahlen. Spieler, die von Kindesalter an bis hin zur Volljährigkeit die NLZ-Mannschaften durchlaufen, anschließend einen Profivertrag erhalten und eine erfolgreiche Profikarriere absolvieren, sind rar gesät!  Hat, trotz aller Widrigkeiten, es ein Talent geschafft, sich nahezu ein Jahrzehnt in dem "Druckkessel" eines NLZ zu bewähren, ist es am Ende so systemkonform geprägt, dass Kreativität und Entscheidungsfreude nicht nur auf dem Platz für alternative Lösungen fehlen.

ES DARF ALSO UMGEDACHT WERDEN!

ABER: „Was hilft alle Erkenntnis, wenn die Kraft fehlt?“

(Theodor Storm, deutscher Schriftsteller, 1817 – 1888)

Wenn wir die Debatte über das neue Nachwuchskonzept des DFB und dessen Umsetzung betrachten und dabei feststellen, dass nach jahrelanger Konzeption und Überprüfung ein DFB-Vize kurzfristig Veränderungen stoppen möchte, ich habe darüber ausführlich berichtet, dann schwindet der Glaube an die Kraft des DFB, notwendige Maßnahmen zu ergreifen!

Aber bleiben wir bei den NLZ und vergessen dabei nicht die 366 DFB-Stützpunkte. Was bedeuten denn die Ergebnisse für diese Organisationen?

Aus meiner Sicht ergeben sich ein paar wesentliche Dinge:

Das Ziel eines NLZ und der DFB-Stützpunkte darf grundlegend neu definiert und gegenüber den Eltern und Talenten neu und transparent kommuniziert werden!

  • Klarheit über das Ein- und Aussortieren!

  • Klarheit über die Wahrscheinlichkeit, am Ende einen Profivertrag zu erhalten!

  • Notwendigkeit der ergänzenden, nicht fußballspezifischen sportlichen Förderung!

  • Wichtigkeit der Persönlichkeits- und schulischen Entwicklung!

  • Prozess des Aussortierens ist so zu gestalten, dass das Talent keine klinischen Stress- oder Depressionssymptome davonträgt!

  • Unterstützungsangebot und fortgesetzte Kontaktpflege im Falle des Aussortierens!

Der Förder-Lehrplan ist neu zu gestalten!

  • Es wird weniger Zeit für fußballspezifische Themen, zugunsten anderer Sportarten verwendet.

  • Der Persönlichkeits- und schulischen Entwicklung wird deutlich mehr Gewicht beigemessen!

  • Vorbereitung auf Studium bzw. separaten beruflichen Werdegang!

Für die Stützpunkte lässt sich die Notwendigkeit einer noch intensiveren Zusammenarbeit mit den Vereinstrainern ableiten und für den Verband wird noch deutlicher, wie wichtig die Ausbildung der Trainer in der Breite ist!

Der Traum vom Fußballprofi, der viele Kinder antreibt, darf weiter geträumt werden. Er darf aber in keinem Fall zu Lasten einer glücklichen Kindheit gehen, denn das wäre der erste Indikator eines sicheren Scheiterns.

Und wir, Trainer, Vereins- und Verbands-Funktionäre und Eltern, können mit einem Bewusstsein für die Möglichkeiten und Grenzen des Förderns unsere Kinder bestmöglich dabei unterstützen, ihren Weg zu gehen.

Kenntnis ist noch nicht Erkenntnis, und erkanntes ist leblos, ist es nicht im Leben angewandtes.

(Julius Hammer, 1810 – 1862, deutscher Novellist, Komödienschriftsteller und Redakteur)

Ich freue mich darauf, mit Euch nächste Woche ein weiteres Thema der Talententwicklung unter meiner Rubrik „So schaut’s aus“ aufzugreifen. Bis dahin! Bleibt gesund und allzeit einen guten Ball!

 
 
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